Kämpfe um Autonomie

So übertitelte die taz gestern meinen Artikel über Commons. Das trifft es ganz gut, finde ich, auch wenn der Titel nicht von mir ist. Die Anfrage bezog sich auf meinen Beitrag bei einer Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung im Dezember, bei dem es um die Frage ging, ob und wie Commons Machtverhältnisse ändern können. Damit war das Thema vorgegeben, dazu kam noch der Wunsch, darauf einzugehen, wie man sich das praktisch vorstellen könne, ob denn die Lösung wirklich so einfach sei, dass wir nur die Dinge selbst in die Hand nehmen müssten. Und das alles mit knapp 6000 Zeichen. Klar, dass da manches unterbelichtet bleiben musste, wie Silke Helfrich richtig bemerkt hat. Wenn schon die digitaz keine Kommentarfunktion hat, Silke, hier gibt es eine, ich freu mich auf deine Anmerkungen und Ergänzungen :-)! Und nun zum Artikel:

Der Begriff Commons wird von verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt und für unterschiedliche Ziele eingesetzt. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat Commons vor allem als Institution zur gemeinsamen Nutzung begrenzter natürlicher Ressourcen beschrieben, dabei jedoch den Argumentationsrahmen der liberalen Ökonomie nicht verlassen. Trotzdem ist ihre Arbeit in Zeiten von Klimawandel und „Peak Everything“ von Bedeutung, weil sie durch neue Perspektiven „jenseits von Markt und Staat“ eine Vielzahl an Möglichkeiten eröffnet, wie Ressourcen nachhaltig genutzt und dabei die Bedürfnisse der Menschen besser befriedigt werden können. Das System selbst wird dabei allerdings nicht in Frage gestellt.

Die Weltbank setzt inzwischen auf Commons und der britische Premierminister David Cameron beruft sich auf die Kraft der Gemeinschaft um Kürzungen des Sozialbudgets zu legitimieren. Das Konzept „nachhaltiger Regionen“ setzt ebenso auf das Engagement lokaler Gemeinschaften, weil die Staaten nicht mehr in der Lage sind, die durch den ständigen Wettbewerbsdruck des globalisierten Kapitalismus entstehenden sozialen Verwerfungen zu kompensieren. Sind Commons also das Allheilmittel, das den Kapitalismus vor sich selbst rettet?

Der Blick auf Commons als Institutionen blendet gesellschaftliche Machtverhältnisse ebenso aus wie die Strategie hegemonialer Macht, Ideen, Begriffe und Konzepte, die aus den sozialen Bewegungen kommen, für die Erreichung eigener Ziele zu vereinnahmen. Commons sind aber nicht nur Institutionen zur Ressourcenverwaltung, sondern spielen auch eine wichtige Rolle für soziale Kämpfe um die Verschiebung von Machtverhältnissen. Deshalb lohnte es sich, die Vielschichtigkeit des Begriffes auszuloten. Commons sind eine Art und Weise Gesellschaft zu reproduzieren, die der Marktlogik entgegensteht, Privateigentum, Profit und Konkurrenz in Frage stellt und daher auf eine zukünftige Gesellschaftsform jenseits des Kapitalismus verweist. Da das kapitalistische System nicht in der Lage ist, sich selbst zu erhalten, braucht es notwendigerweise solche Bereiche, vor allem in Krisensituationen. Dehnen sich diese jedoch zu sehr aus, werden sie zur Bedrohung, weil sie den Beteiligten die Macht geben, die Zumutungen von Lohnarbeit und Marktkonkurrenz zurückzuweisen. Commons sind also auch Räume der kollektiven Selbstermächtigung. Das galt für das gemeinsam genutzte Weideland im Feudalismus ebenso wie für das Internet heute. Aus diesem Grund sind Commons immer ambivalent – sie können den Beteiligten die Kontrolle über ihre Lebensumstände zurückgeben, sie können aber auch vom Kapital instrumentalisiert oder mit repressiven Mitteln zurückgedrängt werden.

Kämpfe um Commons sind Kämpfe um Autonomie und Menschenwürde und richten sich gegen jede Art von Herrschaftsverhältnissen. Diese Kämpfe sind selbst schon eine Form des Commoning – ein Klimacamp, ein G8-Protest, die Widerstände gegen den Castor-Transport und die Zeltstädte der Occupy-Bewegung, sie alle stellen Praxen des Commoning dar, in denen alternative und widerständige Verhaltens- und Subjektivierungsweisen entwickelt und erprobt werden können und die Werte und soziale Beziehungen hervorbringen, die sich von denen kapitalistischer Gesellschaften grundlegend unterscheiden.

Bei der Suchen nach Alternativen als Antwort auf die aktuelle Krisensituation entstehen nun zahlreiche Initiativen, die begrenzte Bereiche ihres Lebens nach dieser Logik organisieren, was nahezu immer – Internet-Communities ausgenommen – im überschaubaren Rahmen persönlicher Beziehungen geschieht. Diese Praktiken als Blaupause für die Neuorganisation von Gesellschaft zu sehen wäre freilich naiv. Aber die Veränderung der Machtverhältnisse, die durch diese Praktiken erfolgt, die Erfahrungen, die dabei gemacht werden, die Werte und Beziehungen, die dabei entstehen, sind die Voraussetzung dafür, dass auf gesellschaftlicher und globaler Ebene neue Institutionen und neue Organisationsformen entwickelt werden können, die auf der Logik der Commons aufbauen.

Das „jenseits von Markt und Staat“ bedeutet nicht, dass Markt und Staat keine Rolle mehr spielen dürfen und Alles von Allen selbst organisiert werden muss. Das Besondere der Commons-Idee ist ein Perspektivenwechsel. Anstatt nach Wachstumschancen und Profitmöglichkeiten zu fragen, geht die Commonsperspektive von den Bedürfnissen der Menschen und den vorhandenen natürlichen Ressourcen aus und fragt, wie mit diesen Ressourcen jene Bedürfnisse am besten befriedigt werden können und wie möglichst alle der Betroffenen darüber mit entscheiden können. In den Institutionen, die sich dann entwickeln, kann der Staat unterschiedliche Rollen einnehmen. Er kann Treuhänder, Verwalter oder Mediator sein. Die Entscheidungen darüber und über die Modalitäten der Produktion und Verteilung müssen jedoch von allen BürgerInnen gleichberechtigt getroffen werden. Was die jeweils beste Organisationsform ist, hängt von der Situation und von der Ressource ab. So mag z.B. im ländlichen Raum eine regionale Energiegenossenschaft eine gute Lösung sein, während es in einer Großstadt sinnvoller sein kann, wenn die Energieversorgung im Eigentum der Stadt bleibt, wie das der Berliner Energietisch vorschlägt. Es kommt nicht auf die Rechtsform an, sondern darauf, wer letztlich das Sagen hat und ob alle Zugang zu leistbarer Energie haben.

Wie diese Institutionen ausschauen und ob sie den Menschen die Kontrolle über ihre Lebensumstände zurückgeben, ob sie der Bedürfnisbefriedigung oder nur der Befriedung von Widerständen dienen, das kann nur in jedem Einzelfall und nur von den Beteiligten selbst entschieden werden. Hier eine Art Gebrauchsanweisung zu verlangen hieße, die Idee der Commons misszuverstehen. Commons sind nicht die Lösung, sondern der Perspektivenwechsel, der neue Lösungen möglich macht.

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Eine Antwort

  1. Gratuliere zum Artikel.
    Wenn Du ein paar Zeichen mehr zur Verfügung gehabt hättest, dann wäre mMn noch interessant zu lesen gewesen wie Leute die gerne einfach bequem und entmündigt konsumieren nun Lust bekommen könnten ein paar Dinge selbst in die Hand zu nehmen (bzw besser gemeinsam in die Hand zu nehmen).
    Darauf warten bis es vielen so schlecht geht, daß sie Auswege suchen dürfte gefährlich sein (Faschisten haben dann womöglich einfachere und bequemere Antworten).
    Projekte anfangen und hoffen, daß immer mehr “infiziert” werden ist vielleicht eine Möglichkeit.
    Es wäre für mich interessant ob es dazu schon fortgeschrittenere Ideen gibt.

    LG

    René

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