In der Realität angekommen

„Das ist das Ende der zweiten Republik“, tönt es durch die Medien. Manche fügen relativierend hinzu „… so wie wir sie kennen“. Seit gestern ist alles anders und nichts wird mehr so sein wie davor. Auch wenn man es weniger pathetisch mag, was sich in den letzten Jahren schon angedeutet hat, in den letzten Monaten immer deutlicher wurde, muss nun jedem klar sein: Österreich ist nicht mehr Sissi, Mozart und Naturidyll, es ist nicht mehr die Insel der Seligen, Österreich ist in der Realität angekommen.

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Unsere Werte? Nein, danke!

Ich muss jetzt einmal Dampf ablassen, diese Wertediskussion geht mir so auf den Hammer!

Von links bis rechts sind sich plötzlich alle einig, dass die Flüchtlinge, die jetzt kommen, sich integrieren und an „unsere Werte“ anpassen müssten. Ich frag mich die ganze Zeit, was bitte sind das für Werte und wer ist das „wir“?? Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Werte gibt, die ich mit allen ÖsterreicherInnen, Deutschen oder EuropäerInnen teile. Ich glaube, dass ich mehr Werte mit der afghanischen Familie teile, die ihr Land verlassen hat, weil sie möchte, dass ihre Tochter frei aufwachsen kann oder der syrischen Akademikerfamilie aus Aleppo, die keineswegs freiwillig ihre Heimatstadt verlassen hat und hier dringend so schnell wie möglich wieder ein normales Leben leben möchte (konkrete Menschen, keine fiktiven Beispiele), als mit vielen ÖsterreicherInnen und nicht einmal nur den ganz Rechten.

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Selbstbestimmt gegen den Klimawandel – und für ein neues Paradigma

Nachdem mir diese Gedanken (siehe die vorigen Einträge hier, hier und hier) im Kopf herumgingen und ich sie noch nicht so richtig fassen konnte, nahm ich am letzten Tag des Klimacamps noch an einem Workshop des Arbeitsschwerpunkts „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ der BUKO teil. Er hieß „Still not loving COPs“, was sich auf die Klimagipfel bezog. Es gibt dazu auch ein Positionspapier. Und in diesem Workshop ging es genau darum: „Nicht das Klima ist in der Krise, sondern die Gesellschaft“, daher brauche es gesamtgesellschaftliche Lösungen. Der Fokus auf den Klimawandel könne dazu führen, das Machtverhältnissen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Die Betonung der Dringlichkeit fördere einerseits undemokratische Maßnahmen und mache es andererseits schwieriger, technische Lösungen zu delegitimieren, denn dann müsse man eben alle Lösungsversuche zulassen. Auch dieses Papier benennt verschiedene Aspekte der notwendigen gesellschaftlichen Transformation, von denen manche mehr, manche weniger klimarelevant sind, alle aber eine Veränderung der Machtverhältnisse zum Ziel haben. Ein wichtiger Aspekt ist die „Demokratisierung gesellschaftlicher Naturverhältnisse“, was meint, dass die Betroffenen über Formen der Naturaneignung entscheiden können, und nicht die, die das Geld haben.

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Degrowth allein reicht nicht

Ein ähnliches Problem wie mit der Klimabewegung habe ich auch mit den Konzepten Degrowth und der Postwachstumsökonomie, zu denen ich bei der deutschen Attac-Sommerakademie in Marburg sprechen sollte. Denn eine Rücknahme des Wachstums, ein Ende des Wachstumszwanges, unter den heutigen Verhältnissen als isolierte Forderung auszusprechen, kommt verständlicherweise nicht gut an. An Griechenland können wir live beobachten, was das heißen würde. Auch da muss zuvor der Paradigmenwechsel und Systemwandel kommen. Dass ein solches zukunftsfähiges System dann nicht mehr unendlich wachsen müsste, versteht sich von selbst.

Die Ansatzpunkte und primären Ziele sind jedoch andere, wie ich sie eigentlich schon seit Jahren immer wieder in meinen Vorträgen skizziere und für die sich unterschiedliche soziale Bewegungen einsetzen:
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Commons und Klimawandel

Aus irgendeinem Grund gibt kaum Aussagen in der Commons-Diskussion zum Thema Klimawandel. Als ich gebeten wurde einen entsprechenden Text für die Broschüre von System Change not Climate Change zu schreiben, war ich auch eher ratlos, es viel mir nicht wirklich etwas ein, das über die allgemeine Argumentation hinausgeht. Letztlich kam ich zu drei Berührungspunkten zwischen dem Commonsdiskurs und dem Klimadiskurs (der entsprechende Text folgt später, wenn die Broschüre erschienen ist), auf die ich dann auch meinen Workshop beim Klimacamp aufbaute.

1. Durch marktförmige und technologische Maßnahmen zum Klimaschutz werden oft Commons eingehegt. Aus der Commons-Perspektive ist es natürlich immer sinnvoll und wichtig, sich gegen die Einhegung von Commons zu engagieren, also gegen technische und marktförmige Mittel dem Klimawandel zu begegnen oder gegen Handelsverträge wie TTIP, das Gesetze, die Emissionen beschränken, noch schwieriger machen.

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Kohle

In letzter Zeit war ich mit verschiedenen Fragen konfrontiert, die mich etwas ratlos gemacht haben. Was kann die Commonsdiskussion zur Diskussion um den Klimawandel beitragen? Was soll ich zum Thema Degrowth sagen? Es fielen mir keine wirklich zündenden Argumente ein. Die Diskussionen und Gespräche bei der Sommerakademie von Attac Deutschland und am Klimacamp im Rheinland haben für mich selbst einige Klarheit gebracht. Die Gedanken, die ich hier und in den nächsten Beiträgen aufschreibe, sind vielleicht noch ein wenig chaotisch, aber ich hoffe, ihr tragt dazu bei, die Dinge noch klarer zu kriegen:) und zum Schluss sollte es doch ein paar anwendbare Ergebnisse geben.

Zum ersten Mal gab es dieses Jahr eine Degrowth-Sommerschule. Um eine Verbindung mit konkreten Bewegungen zu schaffen wurde sie mit dem Klimacamp zusammengelegt und fand im deutschen Braunkohlerevier statt. Das sagte mir erst mal nicht viel, in Österreich ist das kein Thema. Nachdem klar war, dass ich mit Andrea Vetter gemeinsam einen Kurs bei der Sommerschule anbieten würde und auch einen Workshop am Klimacamp habe ich natürlich ein wenig recherchiert: Braunkohletagebau, verwüstet weite Landstriche, Umsiedlung der Bevölkerung, Zerstörung alter Wälder (zB im Hambacher Forst), gesundheitsschädliche und CO2-speiende Kohlekraftwerke. So richtig anschaulich wurde es für mich erst aber kurz vor der Anreise.

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Die Ursprünge der Herrschaft von Menschen über Menschen

Diese Rezension ist in der Sommer-Ausgabe der CONTRASTE erschienen.

Fabian Scheidler geht in seinem Buch der Frage nach, warum unsere Gesellschaften nicht in der Lage sind, trotz ausreichender Informationen und durchaus gutem Willen, Auswege aus der herrschenden systemischen Krise zu finden. Die Frage nach der Entstehung der Machtstrukturen, die uns daran hindern, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Scheidler beginnt seine Suche nach den »Ursprüngen der Herrschaft von Menschen über andere Menschen«, ausgehend von Wallersteins Weltsystemtheorie und inspiriert von poststrukturalistischen, feministischen und postkolonialen Theorien, vor mehr als 5000 Jahren. Er definiert vier Tyranneien, die schließlich jene »Megamaschine« hervorgebracht haben, die zu verlassen uns nahezu unmöglich erscheint: die physische Gewalt, die strukturelle Gewalt, die ideologische Macht und schließlich die Tyrannei des linearen Denkens und der Naturbeherrschung.

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Mit der Care Revolution zum guten Leben

Diese Rezension ist in der Juni-Ausgabe der CONTRASTE erschienen.

Die Aktionskonferenz Care Revolution im März 2014 in Berlin stellte eine Art Wendepunkt in der Care-Diskussion dar: Die Argumentation bewegte sich aus der häufig anzutreffenden Defensiv- und Opferposition hin zu einem selbstbewussten Verständnis von Care als Grundlage für jede Form des Wirtschaftens und Ausgangspunkt für eine neue Gesellschaftsordnung. Diese Entwicklung zeichnet auch das Buch von Gabriele Winker nach.

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Gefährliche Rettung

Dieser Text ist in der Sommerausgabe der CONTRASTE erschienen.

Beim ersten österreichischen Transition Forum erregte ein Teilnehmer mit der Aussage Aufsehen, die Sache mit dem Klimawandel und dass wir den CO2 Ausstoß reduzieren müssten, sei ein riesengroßer Fake, der nur dazu diene, dass einige wenige damit viel Geld verdienen könnten. Den ersten Teil der Aussage teile ich nicht. Das wäre zynisch gegenüber jenen Menschen, meist im globalen Süden, die schon massiv unter dem Klimawandel leiden. Es würde auch all jenen WissenschaftlerInnen, die seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel warnen, unterstellen, im Dienste des Kapitals zu stehen. Der zweite Teil der Aussage, der Fokus auf Erderwärmung, Reduzierung des CO2-Ausstoßes und Energiewende diene in erster Linie dazu, dem Kapital neue Akkumulationsmöglichkeiten zu verschaffen, trifft jedoch ein Unbehagen, dass ich selbst seit geraumer Zeit verspüre.

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Die Instrumentalisierung der Mütter

Heute früh gab es eine Radiosendung, in der – wieder einmal – die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher behandelt und die Rolle betont wurde, die die Mütter dabei spielen, dass solche Radikalisierungsprozesse frühzeitig erkannt oder gar verhindert werden können. Die Absicht war gut, es ging insgesamt darum, ein positives islamisches Frauenbild zu zeichnen und dazu musste auch das Argument herhalten, dass Mütter bei muslimischen Männern viel Ansehen genießen. Unabhängig davon ob das stimmt oder nicht – das wird wohl, wie auch bei uns, von Familie zu Familie unterschiedlich sein – bezweifle ich, dass man der Sache der Frauen damit etwas Gutes tut. Diese Idealisierung der Mütter, dann wenn es für die Gesellschaft nützlich ist, hat eine alte Tradition und die wird nicht besser, wenn – um etwas abgewandelt Marianne Gronemeyer zu zitieren – „die Frauen dabei auch noch mitmachen“.*

Drei Dinge sind es, die mir Unbehagen bereiten. Der erste ist einfach erklärt und kann kurz abgehandelt werden:

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