Sommerausklang

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross …

Bei Hermann Hesse gibt es fuer alle Stimmungen ein passendes Gedicht. Auch wenn es noch nicht so eilig ist, ein paar mehr suedliche Tage koennen es schon noch werden, aber die gibt es hier sowieso. In der ganzen Zeit, die ich jetzt in Italien bin, gab es keinen einzigen Regentag. Gewitter sicher nicht mehr als zehn und die dauerten nicht laenger als maximal eine Stunde, dann war es wieder schoen und warm, so dass alles schnell trocknet. Ein Sommer nach meinem Geschmack also :-).

Aber trotz unverminderter Hitze macht sich unaufhaltsam Herbststimmung breit. Die Tage werden kuerzer, die Wiesen sind braun geworden, auch manche Blaetter verfaerben sich schon. Die Brombeeren und die Feigen sind reif geworden und bieten Anlass fuer manche nahrhafte Pause, auch Haselnuesse gibt es viele.


Und auch ich denke immer oefter mit ein bisschen Wehmut daran, dass dieser Sommer, der fuer mich sicher einzigartig bleiben wird, zu Ende geht, dass ich dieses Land, in dem ich so viel Schoenes erlebt und gesehen, soviel Gastfreundschaft und Unterstuetzung erfahren habe, verlassen muss. Ein Trost ist, dass es im Herbst auch hier kuehl und nass werden wird und natuerlich, dass ich euch alle wieder sehen werde ;-). Und in die Wehmut mischt sich auch Dankbarkeit dafuer, dass ich mir diesen Lebenstraum erfuellen konnte, dass ich so viel Glueck gehabt habe und eigentlich bis jetzt keinerlei groesseren Schwierigkeiten aufgetaucht sind. Aber noch ist es zu frueh fuer eine Abschlussbilanz, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und die Reise nicht vor der Rueckkehr. Und noch habe ich einige Tage zu gehen und ihr sollt noch einen Bericht ueber die letzten Tage bekommen, wenn – je laenger ich unterwegs bin – sich auch die Berichte immer mehr zu Zusammenfassungen entwickeln.

Also, ich fang einmal so an:

Stellt euch eine schattige, mit Pinien bewachsene Terrasse vor. Rechts ist eine mittelalterliche Mauer, links ein Turm mit Schiessscharten. Der Blick geht auf einen Huegel mit abgeernteten Getreidefeldern, Olivenbaeumen, dazwischen Buesche und einige Haeuser. Dahinter die Berge, unten bewaldet, oben die kahlen, abgerundeten Kuppen, wie sie fuer die Berge hier so typisch sind. Das Ganze von der Abendsonne beschienen, dazu was Gutes zu Essen und ein Glas Wein. Beim zweiten Glas Wein beobachte ich, wie der Schatten langsam von unten nach oben wandert und die untergehende Sonne die Berge dahinter rosa faerbt. Als ich die Trattoria verlasse, haben die Geschaefte laengst geschlossen. Mir faellt ein, dass ich noch schauen wollte, ob ich eine Karte fuer die naechste Wegstrecke bekomme. Egal, ich werde den Weg schon finden, ich habe ihn immer noch gefunden, und sagt man nicht, alle Wege fuehren nach Rom?

Blick von der Terasse

Blick von der Terasse

Wie anders die Situation gestern abend: Monte Subasio, 1000m Seehoehe, eine Quelle, ein Rastplatz daneben, mit einigen Tischen und Baenken. Hier habe ich mein Zelt aufgestellt. Ich bin alleine. Ich sitze auf der Bank und schaue dem Sonnenuntergang zu. Schaue, wie die Dunkelheit aus dem Tal heraufsteigt und unten die Lichter angehen. Zu Essen gibt es nicht viel, weil ich gestern vergessen habe, einzukaufen. Altes Brot und Kaese, auch das nicht zuviel, weil es muss noch was fuer’s Fruehstueck bleiben. Dazu Tomatensuppe aus dem Packl. Gut, dass sie wegkommt, ich habe sie eh schon seit mehr als 2 Monaten spazieren getragen, als „eiserne Reserve“. Heroben wird es kuehl. Ich hole meine Schlafsack aus dem Zelt und bleibe sitzen, bis die Sterne am Himmel stehen.

Sonnenuntergang am Monte Subasio

Sonnenuntergang am Monte Subasio

Und ich weiss nicht, welche Situation ich lieber mag. Vermutlich kann ich beide deshalb geniessen, weil ich weiss, dass es auch die andre gibt. Es scheint, dass ich nach der anfaenglichen Euphorie, als noch jeder Tag ein Ereignis war, einer – kurzen – Zeit der Unsicherheit und des Zweifels dazwischen, nun doch, zum Schluss, noch ein wenig von der Gelassenheit erreicht habe, die man dem Gehen meist zuschreibt und die ich bei anderen oft bewundert habe. Ob sie den Trubel der Grossstadt uebersteht? Wieviel davon ich in den Alltag hinueberretten kann?

Ich bin nun durch eine Reihe dieser Staedte gekommen, Sansepolcro, Arezzo, Pietralunga, Gubbio, Assisi, Spello, Montefalco, Spoletto – und wahrscheinlich hab ich noch die eine oder andere vergessen. Diese mittelaterlichen Staedte, die ja noch auf aelteren Fundamenten stehen, etruskischen, umbrischen, vor allem roemischen, sind alle wunderschoen anzuschauen, sie strahlen eine unbeschreibliche Atmosphaere aus. Jede hat ihre eigenen Feinheiten, eine andere Farbe (Gubbio ist hellgrau, fast weiss, Spello ist rosa, Spoleto ist eher dunkelgrau, aber ueberhaupt ein bisschen anders, nicht so einheitlich, dort gibt es von allem etwas), einen anderen Baustil, eine andere Art die Fenster zu gestalten und die Strassen zu pfalstern. Das Faszinierende an allen gemeinsam ist, glaube ich, das moderne, bluehende Leben in den alten Mauern. Dabei ist es sicher nicht einfach, das was wir zu einem modernen Leben brauchen, hinter diesen alten Fassaden zu installieren und eine zeitgemaesse staedtische Infrastruktur in diesen engen, winkeligen, steilen Gassen und Stiegen aufrecht zu halten, ist fuer die Gemeinden sicher ein Herausforderung. Aber alles passiert mit grosser Sorgfalt und Liebe. Die Menschen scheinen gern hier zu wohnen, wenn man sieht, wie sie bis in den letzten Winkel alles mit Pflanzen und Blumen schmuecken. Natuerlich haben alle diese Staedte auch moderne Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete, usw. ausserhalb der Stadtmauern. Aber die alten Stadtteile verkommen nicht zum Museum, auch hier pulsiert das Leben und nicht nur der Tourismus. Es wohnen auch viele junge Menschen hier, es gibt viele Kinder, Kuenstler, und es gibt auch Computerfirmen hinter mittelalterlichen Steinmauern.

Spello

Spello

Ich mag auch die Wege durch die Huegellandschaft, wo man zwischen Weingaerten, Olivenhainen und Getreidefeldern dahin geht und nach jeder Kehre und auf jeder Huegelkuppe neue Aussichten sich auftun. Dazwischen immer wieder einmal eine Kapelle oder ein verfallenes von Efeu ueberwuchertes Schloss. Das ist auch die Gegend, wo am oeftesten die Menschen winken und „bon viaggio“ rufen, Wasser oder auch Kaffee von sich aus anbieten.

Aber am liebsten, das merke ich immer wieder, sind mir doch die Berge. Von Assisi nah Spello ging es ueber den Monte Subasio, das ist ein Bergruecken zwischen Assisi und Spello, unten bewaldet und oben Almwiesen. In der Infobroschuere habe ich gelesen, dass Ende des 19. Jahrhunderts der Berg ganz abgeholzt war und 1916, mit Hilfe oesterreichischer Kriegsgefangener, wieder aufgeforstet wurde. In der Zwischenkriegszeit haben die das dann mit wissenschaftlicher Akribie weiter betrieben und z.B. auch Ameisennester neu eingesetzt als natuerliche Schaedlingsbekaempfung. Mit Erfolg offensichtlich. Und auch viele Blumen sollen dort wachsen, auch die weissen Narzissen und in Spello gibt es im Fruehling ein Pendant zum Ausseer Narzissenfest.

Jetzt gibt es dort nur mehr braune Wiesen und blaue Disteln, dafuer eine grandiose Aussicht! Bis zum Trasimenersee reichte der Blick und mir kam vor als wuerde ich den halben Appennin-Bogen sehen. Da kommt dann wieder dieses zeit- und wunschlose Gluecksgefuehl. Das selbe Gefuehl dann auch zwischen Spoleto und Ferentillo, auf dem Monte Fionchi. Dieses Land hat so viele Berge und so viel besseres Wetter als in Oesterreich. Es muessen nicht immer die Alpen sein! Wer kommt mit?

Aussicht vom Monte Subasio

Aussicht vom Monte Subasio

Von Spello nach Spoleto fuehrte der Weg hauptsaechlich durch die Ebene, das ist nicht so meines und ausserdem war es dort, in etwa 200 – 300m Seehoehe auch wirklich ziemlich heiss. Obwohl das Gehen in der Ebene schon auch seinen Reiz hat. Waehrend beim Gehen in den Bergen doch immer der Aspekt der Suche nach den Schoenheiten der Natur und die Aussicht im Mittelpunkt stehen, es also eher eine sportliche Freizeitbeschaeftigung ist, ist das Gehen in der Ebene wirklich ein Fortbewegungsmittel, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Man geht durch verschlafene Doerfer und kleine Staedte, meist mit Stadtmauern herum. Und es ist schon etwas besonderes, eine Stadt durch ein Stadttor zu betreten oder zu verlassen. Mit einem Schritt betritt man eine andere Welt und man kann sich gut vorstellen, dass einmal das Recht nur innerhalb der Stadtmauern galt, vor den Stadtmauern so eine Art Grauzone herrschte, in der einiges mehr erlaubt war und zwischen den Staedten das Recht des Staerkeren. Nicht so wie bei unseren modernen Staedten, die sich immer weiter ausdehnen, mit den Industriezonen am Rand, dem Speckguertel rundherum, ausfransen, so dass man oft gar nicht mehr weiss, wo die eine aufhoert und die andere anfaengt.

Und dann gibt es solche Zusammentreffen, wie: die Turmuhr schlaegt zehn, als ich das Stadttor von Bevagna erreiche. Oder: In Montefalco liegt unmittelbar an der Stadtmauer eine Kirche. Als ich in der Frueh wegging, war gerade ein Gottesdienst. Der Gesang klang auf die Strasse heraus und begleitete mich zum Stadttor hinaus. In solchen Momenten fuehle ich mich manchmal in eine Erzaehlung aus laengst vergangenen Zeiten versetzt. Auch Redewendungen, wie „den Staub von den Schuhen schuetteln“ bekommen ploetzlich eine praktische Bedeutung. Historische Romane und auch biblische Erzaehlungen erwachen zum Leben (da haben zwar noch keine Kirchenglocken gelaeutet, aber gesungen haben die Menschen auch schon und der Staub ist der gleiche geblieben).

Dan kam Ferentillo – und das war wieder ganz anders, aber genau so beeindruckend. Dieser Ort liegt am Ausgang einer Gebirgsschlucht, steile Berge, felsige Abhaenge und immer wieder, irgendwo in den steilen Haengen kleben Ortschafte, Befestigungsanlagen, es schaut wirklich ganz toll aus. Ferentillo selbst ist ein unscheinbarer Ort, es gibt dort nicht einmal Ansichtskarten (als Ersatz der Link), hat aber eine beindruckende Festungsanlage, auch wieder hoch oben am Berg und endlos lange Mauern dazwischen. Ich hab inzwischen herausgefunden, dass die zum Schutz einer Abtei, weiter oben im Tal vorgesehen war.

Und in Ferentillo bin ich von der in meinem Fuehrer angegebenen Route abgewichen, weil diese einen Umweg macht, fuehrt erst in den Sueden nach Rieti und dann wieder zurueck in den Norden nach Stroncone, weil die halt alle wichtigen Kloester besuchen wollen. Da ich aber nicht wegen der Kloester da bin, wollte ich gerne diese Schleife abkuerzen. Von Ferentillo nun kann man durch dieses schoene Tal der Nera (Valnerina) fast bis Stroncone wandern – auch hier noch malerische Orte und Burgen links und rechts des Flusslaufes – und die letzten 8 km bin ich, ich gebe es zu, mit dem Bus gefahren. Ohne jegliche Kenntnis der Gegend und ohne Karte, und solche gibt es hier grundsaetzlich nicht, wollte ich mich nicht in diese unzugaengliche Bergwelt stuerzen.

Das Valnerina von le Marmore nach Norden

Das Valnerina von le Marmore nach Norden

6 Tage habe ich noch zu gehen, in zwei Tagen werde ich Umbrien verlassen und Lazium erreichen. Der eine oder andere Rasttag wird wohl auch noch dazu kommen. Und dann werde ich, wenn nichts dazwischen kommt, in der „ewigen Stadt“ eintreffen. Das heisst, die letzten 20 km werde ich auch wieder mit dem Bus fahren, aber das ist „offiziell“, dort gibt es keine Wanderwege, keinen Platz fuer Fussgaenger mehr. Also, auf Wiederlesen aus Rom!

Noch ein Wort zu den Fotos: ich hab sie immer zuerst verkeinert, bevor ich sie ins Internet gestellt habe. Direkt von der Kamera sind sie so gross, da dauert das endlos, kann ich kaum von einem Internetcafé machen, ausserdem ist dann mein Kontingent gleich ueberschritten. Den Rest der Fotos gibt’s daher wenn ich wieder zu Hause bin als Nachschlag!

… zur Überblicksseite ‚Italienreise

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2 Antworten

  1. Brigitte, das macht so Appetit und holt so die Erinnerungen der vergangenen
    Wanderungen in Latium zurück. Alles Gute für den Rest und liebe Grüße, Erna

  2. Das klingt ja wirklich wie im Märchen. Stell ich mir voll super vor…
    Wünsch dir ein gutes Ankommen in Rom und auf alle Fälle einen superschönen Ausklang!

    Liebe Grüße,
    Larissa

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