Utopie der Arbeitswelt

Einen gelungenen Arbeitstag zu beschreiben, so lautete der Auftrag für den Workshop „Arbeiten wie noch nie“ mit Frigga Haug. Als ich diese Aufforderung las, war mir sofort klar, dass ein solcher Arbeitstag nur in
der Zukunft stattfinden konnte, zu groß sind die Hindernisse, die unser derzeitiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem der Verwirklichung solcher Visionen entgegensetzt. Und mir war klar, dass ein solcher gut gelungener Arbeitstag nur gemeinsam mit anderen Menschen möglich werden konnte, dass es also ein kollektiver Arbeitstag sein musste. Ich stelle hier zuerst meine Vision vor und überlege anschließend, was derzeit die wesentlichen Hindernisse für eine derartige Gestaltung der Arbeit sind und welche Veränderungen notwendig wären.

Ein Arbeitstag im Jahr 2012

Kurz vor 7 Uhr wache ich auf, ich drehe das Radio auf und höre die Nachrichten. Um halb acht stehe ich auf, frühstücke gemütlich und lese dabei die Zeitung. Der europäische Arbeitgeberverband möchte beim Frühjahrsgipfel in 2 Wochen wieder einmal den Versuch der Belebung der Lissabonziele von 2000 machen, aber die Veränderungen, die seit der Neuformulierung der Ziele der EU 2010 passiert sind, werden von den meisten Menschen in Europa positiv beurteilt und wir sind für den Gipfel gerüstet und hoffen, dass unsere Ideen von vielen geteilt werden.

Anschließend erledige ich einige Hausarbeiten – auch in einem Ein-Frau-Haushalt lässt sich das nicht ganz vermeiden – und gegen halb 10 mache ich mich auf den Weg ins Büro, das sich mehrere NGOs teilen und das von der Stadt bezahlt wird. Dort arbeiten einige KollegInnen gerade an einem Mobilitätskonzept für Graz, das von der grünen Bürgermeisterin in Auftrag gegeben wurde, und das die Innenstadt endlich autofrei machen soll. Sie verwickeln mich in eine angeregte Diskussion darüber, wie man mit einem solchen Konzept auch neue, qualitativ hochwertige Arbeitsplätze schaffen könnte.

Seit den demokratiepolitisch zweifelhaften Bemühungen, den Lissabonvertrag trotz dreier negativer Referenden doch noch durchzudrücken und dem EU-Gipfel im Frühjahr 2010, bei dem die Lissabonziele angesichts der Wirtschaftskrise und der Legitimationskrise der EU verworfen wurden und statt dessen ein soziales, demokratisches Europa als Ziel der europäischen Politik beschlossen wurde, hat die Europäische Kommission einen Fonds für den Aufbau einer europäischen Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit errichtet. Dieser macht es möglich, dass meine Arbeit als Koordinatorin des Labour and Employment Netzwerkes von Attac Europa (LEE) ebenso bezahlt wird, wie die politische Bildungsarbeit in Österreich. Beim EU-Gipfel über die Weiterentwicklung des neuen Arbeitsmodells, in dem es um eine bessere Verteilung und Anerkennung der verschiedenen Arten von Arbeit geht, sind wir als offizielle TeilnehmerInnen dabei. Über die dort beschlossene Politik können die BürgerInnen anschließend abstimmen, daher ist eine breite Beteiligung unterschiedlicher Interessensgruppen bei der Erarbeitung des Programms unerlässlich. Ich muss noch das Protokoll unserer letzten Telefonkonferenz schreiben und unsere Stellungnahme für den Gipfel fertig machen. Noch ein kurzes Telefonat mit dem Kollegen in Brüssel und eine Nachfrage bei der Kollegin in Deutschland, dann ist es so weit. Das Papier kann an Coorditrad gehen, das Netzwerk von ÜbersetzerInnen, die jetzt auch aus dem Fonds bezahlt werden, und die es in die Sprachen der anderen Attac-Organisationen übersetzen werden.

Gegen 13 Uhr gehe ich in unser genossenschaftlich organisiertes Bildungscafé und schaue, was es dort heute zu essen gibt. Beim Essen unterhalte ich mich mit FreundInnen und KollegInnen, danach sitzen wir noch ein wenig in der Frühlingssonne auf der Terrasse. Ich gehe dann in die gemeinsame Bücherei, um die Bücher auszutragen und einzuordnen, die in den letzten Tagen zurückgekommen sind, ich bin diese Woche für die Bücherei zuständig. Ich nehme mir einige Bücher mit, die ich zur Vorbereitung des nächsten Workshops über solidarische Ökonomie brauche, zu dem mich eine der neuen, demokratisch organisierten Gesamtschulen eingeladen hat.

Um 15 Uhr beginnt der Italienischkurs, den wir hier als gemeinsames Lernprojekt durchführen. Die Moderatorin kenne ich noch aus der Zeit, als sie – obwohl ausgebildete Deutsch- und Italienischlehrerin – prekär von Volkshochschulkursen und Nachmittagsbetreuung in Schulen lebte. Da in der europäischen Bildungspolitik nun nicht mehr Wettbewerbsfähigkeit und technischer Fortschritt, sondern die Förderung der Entwicklungsmöglichkeiten der BürgerInnen und die Herstellung solidarischer Gemeinschaften an erster Stelle stehen, haben Sprachen und politische Bildung einen hohen Stellenwert und wir konnten Daniela in der Kooperative anstellen. Dort unterrichtet sie Deutsch für Zuwanderer, die diese Kurse selbstverständlich gratis besuchen können, und Italienisch für alle, die es lernen wollen. Schon in der Volkshochschule hat sie die Kurse sehr interaktiv gestaltet, jetzt arbeitet sie gemeinsam mit SprachlehrerInnen aus anderen Bildungskooperativen an einem emanzipatorischen Sprachbildungskonzept. Auch die Kurse für politische Bildung werden bezahlt.

Weil in Folge der hohen Arbeitslosigkeit nach der Krise die Arbeitszeit auf 25 Stunden pro Woche verkürzt wurde, müssen solche Aktivitäten nicht mehr in die Abendstunden verlegt werden, sondern es gibt eigentlich den ganzen Tag über irgendwelche Bildungsangebote in den Räumen des Bildungscafés – nicht nur Sprachen, auch Malen, Tanzen, Musik, Sport, Computerkurse oder Gartenbaukurse und Kochkurse werden angeboten, je nachdem, was die einzelnen Mitglieder gern einbringen wollen. Und auch Frauen und Männer mit kleinen Kindern können an den Kursen teilnehmen, weil ihre Kinder in der dem Café angeschlossenen Spielgruppe gut aufgehoben sind.

Nach dem Kurs nützen eine Freundin und ich das schöne Wetter, um noch eine Runde zu laufen. Auch zum Sport komme ich seit der Arbeitszeitverkürzung viel öfter, was sich auf mein Wohlbefinden sehr positiv auswirkt. Am Rückweg schaue ich im Bioladen vorbei und kaufe Obst, Butter und Brot. Weil alle Mitglieder der Erzeuger-Verbraucher-Kooperative sich verpflichtet haben, dort einzukaufen, können die ProduzentInnen wirklich gute und gesunde Lebensmittel herstellen und weil die EU die Landwirtschaftsförderung umgestellt hat und nicht mehr nach Größe der Betriebe sondern entsprechend einer nachhaltigen Produktionsweise fördert, können wir uns das auch leisten und sie können davon leben.

Um 18 Uhr gibt es wie jeden Freitag im Bildungscafé eine Besprechung über die Arbeitsaufteilung für die nächste Woche. Für Donnerstag fehlt noch eine Betreuung für die Spielgruppe. Ich melde mich – hin und wieder macht die Arbeit mit kleinen Kindern richtig Spaß, es ist eine angenehme Abwechslung zur politischen Arbeit und ich verliere nicht den Kontakt zu den jungen Familien. Einige Leute aus Deutschland und Italien, die wir vom Elevate-Festival kennen und die sich auch mit alternativen Ökonomien beschäftigen, haben einen Besuch angekündigt. Das verheißt interessante Gespräche, für die auch Zeit und Raum eingeplant werden muss.

Um 19 Uhr komme ich nach Hause und richte mir mein Abendessen. Ein Freund aus Irland ruft an. Seine Uni hat sich nun auch dazu entschlossen, ein Programm zur „Inkubation“, zur Beratung und Begleitung von Projekten solidarischer Ökonomie, durchzuführen. Die irische Regierung hat die Finanzierung zugesagt, um die Abwanderung besonders junger, gut ausgebildeter Menschen zu stoppen, die in Folge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs keine Zukunftschancen in ihrem Land sehen. Sie wollen mit den Unis in Kassel und Graz, die in diesem Bereich Vorreiter in der EU waren, kooperieren. Es ist gut zu hören, wie sich diese Idee immer weiter verbreitet.

Ausgestattet mit einer Kanne Tee wende ich mich schließlich meinen Büchern zu und arbeite noch eine Stunde an der Vorbereitung des Workshops, checke meine Mails und schaue, was sich im LEE-Blog tut, dessen Moderation auch zu meinen Aufgaben gehört. Gegen 22.30 Uhr gehe ich mich duschen, dann lege ich eine CD ein und lasse den Tag gemütlich ausklingen.

Und warum erst 2012?

Die Gründe, die uns daran hindern, heute schon so zu leben und zu arbeiten, sind vielfältig, liegen in den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen und auch in uns selbst.

Subjektive Ursachen

Auch die subjektiven Hindernisse sind natürlich gesellschaftlich geprägt. Wir sind so sehr daran gewöhnt, alles alleine zu machen und zu organisieren, dass es uns oft eher als Einschränkung unserer Freiheit erscheint, denn als Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten uns mit anderen abzustimmen und mit anderen zu kooperieren. So habe ich etwa überlegt, ob ich in dieser Zukunftsvision auch in einem kollektiven Wohnprojekt wohnen möchte und habe mich dagegen entschieden, weil ich das Gefühl hatte, nach diesem Tag, an dem ich immer mit Menschen zusammen war, bräuchte ich auch eine Rückzugsmöglichkeit, irgend etwas, das mir alleine gehört, obwohl ich weiß, dass Single-Wohnungen aus ökologischer Perspektive nicht empfehlenswert sind. Ich will hier gar nicht bewerten, ob das gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Vermutlich ist der Individualisierungsprozess auch nicht mehr rückgängig zu machen, ich denke auch nicht, dass das wünschenswert ist. Die Herausforderung wird sein, wie wir auf diesem Niveau der Individualisierung neue Möglichkeiten der Kooperation und kollektiver Handlungsformen finden, die die Lösung der sozialen und ökologischen Probleme ermöglichen.

Rahmenbedingungen

An erster Stelle sind hier natürlich die Prekarisierung und Flexibilisierung unseres ganzen Lebens zu nennen. Die Notwendigkeit Geld zu verdienen und gleichzeitig die Verknappung der Möglichkeiten dafür, die Forderung nach ständiger Verfügbarkeit, ständiger Weiterbildung, häufiger Veränderung der Wohn- und Lebenssituation, Antragstellungen und Evaluationen halten uns permanent auf Trab und machen es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, soziale Netzwerke aufzubauen und zu erhalten.

Trotz höherer Produktivität und hoher Arbeitslosigkeit geht die Tendenz eher zu längeren, anstatt zu kürzeren Arbeitszeiten. Die Arbeit am Computer und mit den neuen Medien führen häufig zu noch mehr Vereinzelung. Die Zeit für soziale Kontakte, politische Betätigung und persönliche Weiterentwicklung ist oft im Tagesablauf nicht mehr unterzubringen.

Bildung wird nur finanziert, wenn sie der Erhöhung des Humankapitals und der Wettbewerbsfähigkeit dient. Bildung als Selbstzweck der Persönlichkeitsentwicklung und als Mittel der Erhöhung der Mündigkeit der BürgerInnen ist nicht erwünscht.

Neue Formen und Institutionen für Entscheidungsfindung höhlen die bestehenden demokratischen Strukturen aus und verringern die Möglichkeiten zur Mitbestimmung.

Die Privatisierung öffentlicher Räume führt dazu, dass kaum mehr leistbare Räume für kollektive Aktivitäten zur Verfügung steht. Aktivitäten, die kein Geld erwirtschaften, werden auch kaum gefördert.

Für die Gründung von Ich-AGs gibt es umfangreiche Unterstützung und Förderung, für die Gründung von Genossenschaften fehlt jeder Anreiz.

Schlussfolgerungen

Eine neue Konzeption von Arbeit bedeutet einerseits die Einbeziehung aller Arten von Arbeit, wie in der „Vier in einem Perspektive“ dargestellt und andererseits die Berücksichtigung der Tatsache, dass wir die Beiträge und Fähigkeiten aller Mitglieder der Gesellschaft brauchen für die gelungene Reproduktion von uns selbst und unserer sozialen und natürlichen Umwelt.

Kooperation und eine Verteilung aller in der Gesellschaft notwendigen Arbeiten auf alle Gruppen und Individuen entsprechend ihren Fähigkeiten und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten sind umgekehrt auch die Voraussetzung dafür, dass jede und jeder ihre und seine Fähigkeiten frei entwickeln und einen ihnen angemessenen Beitrag für die Reproduktion der Gesellschaft leisten und partizipativ in deren Gestaltung einbezogen werden kann. Gesellschaft und Individuen können sich also nur gemeinsam entwickeln.

Eine Vision für einen derartigen Wandel der Organisation der Arbeit – und damit gleichzeitig der Wirtschaft und der Politik – zu denken stellt uns vor einige Herausforderungen: Als Fernziel auf eine Überwindung des kapitalistischen, menschen- und naturfeindlichen Wirtschaftssystems angelegt, müssen wir seine Ausgangspunkte in diesem System suchen. Diese sind immer schon da, aber da unsere Werte und unser Vorstellungsvermögen vom System in dem wir leben geprägt sind, fällt es uns schwer, in anderen Dimensionen und Beziehungen zu denken. Etwas, wofür es keine Muster gibt, ist schwer vorstellbar und noch schwerer vermittelbar.

Wir brauchen dazu soziale Kompetenzen und ethische Einstellungen, die wir in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nicht, oder nur sehr mangelhaft, erwerben können. Ein solidarisches Wirtschaftssystem muss also die Kompetenzen und Werte für seinen Erhalt und Ausbau erst selbst hervorbringen in kooperativen Prozessen der Arbeit an unserer sozialen und materiellen Umwelt, in denen wir gleichzeitig diese und uns selbst verändern.

Und schließlich sind die derzeitigen juristischen, verwaltungstechnischen und ökonomischen Rahmenbedingungen einer Herausbildung kooperativer, arbeitsteiliger Strukturen hinderlich. Wir müssen also auch solche Rahmenbedingungen einfordern und erkämpfen, die kooperatives Wirtschaften möglich machen. Aber auch diese Forderungen können erst durch Erfahrungen formuliert werden. Darum ist es notwendig, einfach anzufangen, einfach unser Leben gemeinsam selbst in die Hand zu nehmen, anstatt, wie es von uns gefordert wird, uns in Konkurrenz gegen alle anderen zu stellen und unser ganzes Leben wie ein Unternehmen zu organisieren. John Holloway hat es in Anlehnung an den zapatistischen Widerstand so ähnlich gesagt: wir müssen einfach losgehen, jetzt schon so handeln, als ob wir schon in der Welt lebten, die wir uns wünschen. Denn Wege entstehen beim Gehen.

Schlussbemerkung …

Die Geschichte ist zwar utopisch, Ähnlichkeiten mit real existierenden Situationen und Personen sind jedoch beabsichtigt, schließlich wollte ich ja meine konkrete Lebenssituation in eine anderen Umwelt versetzen ;-).

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