Gibt es ein Leben nach der Besetzung?

Oder sollte die Frage eher lauten „Gab es eines davor?“

Nun, es gibt zumindest Weihnachstferien für die BesetzerInnen und ein ganz offiziell vom Rektorat zur Verfügung gestelltes Weihnachtsquartier. Auch wenn die Entscheidung das Angebot des Rektorats anzunehmen, ziemlich eindeutig ausfiel, alle die bis jetzt dabei waren, verlieren etwas, was in den letzten Wochen zu einem wichtigen, wenn nicht dem wichtigsten Teil ihres Lebens wurde. „Diese 8 Wochen waren die großartigsten in meinem bisherigen Leben“, „Soviel wie in dieser Zeit, habe ich noch nie gelernt“, „Ich war von Anfang an dabei, und zu Beginn hatte ich keine Ahnung von irgend etwas“, „Ich habe so viele neue tolle Menschen kennen gelernt“ – Aussagen wie diese fielen immer wieder. Das Leben der Menschen, die hier dabei waren, wird nie wieder so sein wie vorher – und es wird auch nie wieder so sein, wie es jetzt war. Denn auch wenn wir am 7. Jänner zurückkommen – ist das dann noch eine Besetzung und ist das noch eine Protestbewegung?

Auf jeden Fall hat die Besetzung bewirkt, dass offiziell anerkannt wird, dass es Menschen an dieser Uni gibt, die nicht wollen, dass sie so bleibt, wie sie ist sondern dass sie sich verändert. Und diese Menschen behalten mit dem Hörsaal B und dem Foyer nicht nur einen Arbeitsraum, sondern vor allem auch ihr soziales Zentrum mitten in einem der meist frequentierten Bereiche der Uni. Etwas was vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen wäre. Vielleicht ein zarter Hinweis darauf, dass die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen ins allgemeine Bewusstsein dringt? Der Protest lebt nicht nur weiter, er wird noch sichtbarer und ich bin zuversichtlich, dass die Leute, die bis jetzt dabei waren am 7. Jänner mit frischem Schwung wieder dabei sind. Auch das Wissen, dass, wenn in der Prüfungszeit Ende Jänner die Hörsäle noch nicht zur Verfügung stünden, es zu vermehrten Konflikten mit Studierenden kommen würde, hat zu dem Entschluss beigetragen. Schließlich braucht der Protest die Unterstützung vieler, damit er erfolgreich sein kann.

Und um es ganz pragmatisch zu sehen: von den Forderungen an das Rektorat der Uni Graz wurde für fast alle eine Lösung in die Wege geleitet und es gibt eine Arbeitsgruppe mit den BesetzerInnen, die die Umsetzung begleitet. Also, das Erfolgserlebnis ist auf jeden Fall garantiert. Für die politischen Forderungen, die wir natürlich noch haben, haben wir im Moment keine Ansprechperson, nachdem sich der Wissenschaftsminister nach Brüssel verabschiedet hat und einE neueR nicht in Sicht ist. 8 Wochen Besetzung ist eine lange Zeit für Menschen, die nebenbei arbeiten und studieren müssen. Alle brauchen Zeit zum Erholen, zum Lernen, zum Schreiben von Arbeiten, auch BefreierInnen haben ein Privatleben, nicht nur vor und nach, sondern auch während der Besetzung. Und es war einfach zu unsicher, ob während der Ferien ausreichend Leute da sein würden, um die Besetzung zu halten und auch nicht abschätzbar, welche Konsequenzen eine Nichtannahme nach sich ziehen würde. Sobald es eineN NachfolgerIn für Hahn gibt, werden wir wieder Druck machen und wenn in den Hörsälen wieder Vorlesungen statt finden, können wir möglicherweise mehr Studierende mobilsieren als davor, ohne sie zu verärgern. Bei den Bologna-Feierlichkeiten im März in Wien (kein Grund zum Feiern!) ist auf jeden Fall mit uns zu rechnen und die Idee einer kritischen Uni, das bedeutet die Frage, was können und müssen Universitäten für gesellschaftliche Änderung beitragen, besteht nacht wie vor, ist auch im Abkommen mit dem Rektorat verankert.

Andererseits: Mit diesem Abkommen ist der Protest sozusagen ins System integriert. In einer Zeit wo individuelle Lebensgestaltung nicht nur toleriert sondern sogar gefordert wird, ist Protest nur schwer als solcher artikulierbar. Eine Räumung durch die Polizei hätte ihn ganz klar als solchen ausgewiesen, der Entschluss, das nicht zu tun, muss also nicht unbedingt Zustimmung bedeuten, kann einfach das Ziel haben, Konfliktlinien am Aufbrechen zu hindern. Die stillschweigende Duldung ließ immerhin noch die Vorstellung zu, gegen das System zu sein. Dieses Abkommen bedeutet, dass die BefreierInnen, sozusagen als besonders anspruchsvolle KundInnen angesehen werden, die eine spezifische Leistung verlangen – und auch bekommen, aber doch wieder kalkulierbar sind. Im Gegensatz zu den Lehrenden, die diesen privilegierten KundInnenstatus nicht haben, werden unsere Wünsche soweit erfüllt, als es das System nicht mehr gefährdet als der unkontrollierte Protest. „Dagegen“, einfach „anders“ zu sein, ist schwierig, wenn „anders“ sein zur Pflicht wird. Kann ein Herrschaftssystem umso mehr Abweichung zulassen, je sicherer es sich seiner Herrschaft fühlt? Oder ist, wie Foucault meint, die Herrschaft gerade durch diese Freiheit möglich, weil sie die Akzeptanz der Herrschaft erhöht und es ein „Außerhalb“ des Systems ohnehin kaum mehr gibt? Weil, wenn es keine Angriffsflächen für Widerstand gibt, auch Widerstand zu einer möglichen Lebensform unter vielen wird ohne die Notwendigkeit von Veränderungen nach sich zu ziehen? Bleibt die Frage, ob und vor allem wie der „integrierte Widerstand“ von innen Veränderungen bewirken kann, bevor er langfristig wieder vom System absorbiert wird.

Eine der erfüllten Forderungen der BesetzerInnen, zwar nicht bildungsrelevant aber historisch bedeutend, weil sie die Uniprotestbewegung an eine andere Art Widerstand rückbindet: der Hörsaal A wird in „Willi Gaisch-Hörsaal“ umbenannt. Willi Gaisch, 87 Jahre, Zeitzeuge, Widerstandskämpfer, am 11. Dezember in der befreiten Vorklinik für ein Zeitzeugengespräch zu Gast nach einem anstrengenden Tag – ein Film über ihn wurde gedreht. Während seines Vortrages erlitt er einen Schlaganfall, wenige Stunden darauf starb er. Ein Ereignis das bei allen große Betroffenheit auslöste, trotzdem ein stimmiger Tod für einen bis zuletzt politisch engagierten Menschen.

Mehr Fotos von der befreiten Vorklinik sind hier.

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