Mit dem Auto die Welt retten

Ein ganzes „Rondo“ widmete der Standard vom 9. April 2010 – für die wachsende Schar der nicht-österreichischen LeserInnen, das ist die regelmäßige Freitags-Beilage 😉 – dem Thema des nachhaltigen Umgangs mit dem Planeten Erde. Corporate Social Responsibility und verantwortungsbewusstes Konsumieren stehen im Vordergrund, die Vorstellung „grüner“ Produkte soll die Lust auf Kaufen ohne schlechtes Gewissen wecken. Und so sagt es auch eine Titelzeile: „Eine Hängematte fürs Gewissen“.

Nicht alles in diesem Heft ist so schlecht wie diese beiden Beispiele, einige Dinge sind sogar ziemlich gut. Aber dieser Titel zeigt genau das Problematische an diesem Vorhaben auf: Es geht nicht um unser Gewissen, sondern um unsere sozialen Beziehungen und um die Erde. Und dieser Artikel über die neue Generation der „umweltfreundlichen“ Autos enthält so ziemlich alles, wie man die Welt sicher nicht retten kann. Wenig Benzin soll es brauchen, wenn möglich einen Elektroantrieb haben (weil der Strom kommt ja bekanntlich aus der Steckdose), luxuriös soll es sein, weil, ohne Verzicht soll es abgehen, – nicht Auto zu fahren ist offensichtlich immer mit Verzicht gleichzusetzen, nie mit Gewinn von Lebensqualität – denn man will ja seinen Nachbarn imponieren. Das Auto als Statussymbol, früher das große schnelle, heute das große sparsame, drüber reicht die Vorstellungskraft nicht hinaus. Dass wir Autos brauchen und dass wir unsere Statussymbole kaufen müssen, darf nicht in Frage gestellt werden, denn „Bescheidenheit wäre zwar rasch umzusetzen und hocheffizient, für die Umwelt wohl, aber gewissermaßen Mord an der Wirtschaft im Affekt“. Ja, solche Dinge stehen da drin – viel Geld ausgeben um die Wirtschaft zu retten und verantwortungsbewusst kaufen, um auch die Erde gleich mitzuretten – die neue Autogeneration, die eierlegende Wollmilchsau, geht’s noch??

Aber um nicht nur das Negative herauszuheben, gerade der Artikel mit der Hängematte in der Überschrift hat schon mehr als nur Gewissensberuhigung zu bieten. Es geht ums Reisen und Tourismus und da stehen wirklich ein paar gute Beispiele drin, z.B. das Forum Anders Reisen, dass dem „Greenwashing“ den Kampf angesagt hat und den ganzen CO2-Verbrauch der Reisenden, inklusive An- und Abreise, Moblität am Urlaubsort, die Unterkunft und auch noch die soziale Komponente, wenn es um Urlaub in Entwicklungsländern geht, berücksichtigt. Der einzige österreichische Veranstalter, der alle Kriterien erfüllt, ist bisher Weltweitwandern.

Der spannedste Artikel ist aber der über die cradle to cradle Technologie. „Cradle to cradle“ oder „von der Wiege zur Wiege“ bedeutet wirtschaften wie die Ameisen, nämlich ohne Abfall. Alle Produkte sind so konstruiert, dass sie, wenn sie ausgedient haben, entweder voll abbaubar sind oder wieder zu Ausgangsstoffen für neue Produkte werden. Nicht mehr Effizienz ist dann angesagt, sondern Ökoeffektivität. Und das ist ein wirklicher Paradigmenwechsel, wie Alban Kälin, Geschäftsführer des EPEA-Instituts, im Standard Interview sagt:

„Das ganze erfordert einen Paradigmenwechsel in der Industrie. Sämtliche Geschäftsaktivitäten müssen verändert werden, weil Materialien, bzw. Rohstoffen eine andere Bedeutung zukommt. Wir müssen andere Transparenzen und Interaktionen zu den Lieferanten im Netzwerk schaffen. Aber auch zu den Kunden und Konsumenten. Die Unternehmer wollen wissen, wo die Rohstoffe, die sie wieder benötigen, im Kreislauf bleiben.“

Und da steckt schon eine Menge Interessantes drin: Wenn die Rohstoffe eine andere Bedeutung bekommen, dann ändert sich nicht nur das Produkt sondern es ändern sich auch die sozialen Beziehungen. Dann wird der Kontakt zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen wieder wichtig, dann müssen plötzlich alle dabei mithelfen, damit das Ding funktioniert. Die KundInnen, die die Dinge wieder an die richtige Stelle zurückbringen, leisten einen wichtige Beitrag für die Herstellung des nächsten Produkts, vor allem aber für einen Umgang mit Rohstoffen, der sowohl Knappheit vermeidet als auch die Umweltbelastung durch Abfälle. Produktion und Konsum werden wieder verknüpft und nicht mehr ausschließlich durch den Markt vermittelt. Solche Technologien machen die Regelung begrenzter Ressourcen als globale commons überhaupt erst denkbar.

Daran aber denken die Erfinder noch nicht, zumindest träumen sie noch von einem Wachstum ohne Umweltschädigung, wie der EPEA Webseite zu entnehmen ist. Aber ja, Paradigmenwechsel im Kopf sind am schwierigsten und ohne diese Perspektive gäbe es womöglich ja auch keine Preise von der Wirtschaftskammer :-(.

Trotzdem ausnahmsweise einmal ein Unternehmen vor den Vorhang: Backhausen – interior textiles, das bereits 95% seiner Produktion auf dieses System umgestellt hat unter dem schönen Namen „returnity“.

Auf der Firmenwebseite heißt es dazu:

„Die Returnity-Technologie wird in weiterer Folge von verschiedenen Produzenten auf Lizenzbasis übernommen. Ebenso findet die Cradle-to-Cradle Philosophie „Abfall = Nährstoff für neue Produkte“ großen Anklang in allen Bereichen. Es sind sogar ganze Cradle-to-Cradle Städte geplant.“

Das klingt ja wirklich vielversprechend. Auch wenn es noch nicht die Welt rettet, ein Schritt dazu kann es sicher sein. Und wenn sie dann noch mit freien Lizenzen arbeiten würden, dann wäre es schon fast perfekt!

Noch was Nettes gibt es, ein Interview mit dem Mode-„Guerillero“ (Eigendefinition) Miguel Androver, dem ehemaligen New Yorker Spitzendesigner, der jetzt für Hess Natur arbeitet und meint „Die Luxusindustrie hat Dreck am Stecken. sie arbeitet mit Unternehmen, die Menschen ausbeuten und die Erde schädigen. Dagegen muss man vorgehen.“ Auch er schimpft über die Firmen, die sich grüne Mäntelchen umhängen und meint, man müsse Kleidung neu denken.

Wir müssen vieles neu und anders denken und vor allem anders tun und „grüne“ Produkte reichen sicher nicht zur Lösung, solange sie der gleichen Marktlogik folgen wie bisher. Und vor allem, auch das sagt der Guerillero, „Der Hype in den Medien hat keine Entsprechung in der Realität“. CSR und verantwortungsvoller Konsum müssen zwangsläufig Nischenprojekte bleiben, solange der Markt die Gesellschaft regelt und nicht umgekehrt. Hochglanzmagazine, die den Konsum ankurbeln sollen sind keine Lösung, sondern eher Teil des Problems.

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