Das Potosí-Prinzip und die österreichische Neutralität

Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin wird derzeit die Ausstellung „Das Potosí-Prinzip“ gezeigt und ich hatte mir bei meinem letzten Berlin-Besuch vor einem Monat schon vorgenommen, sie anzuschauen, die Beschreibung klang sehr spannend. Potosí ist eine Minenstadt im heutigen Bolivien, die im 16. Jahrhundert „größer und prächtiger war als Paris“, so steht es im Ausstellungsführer. Und

„man erzählt, dass dort an den Feiertagen die Bürgersteige aus Silber waren. Man sagt, dass man mit dem Silber, dass von Potosí nach Europa ging, eine Brücke über dan Atlantik bis zum Hafen von Cádiz bauen konnte. Es gibt einen andauernden Streit darüber, wie man die Toten schätzen kann, die durch die Zwangsarbeit in den Minen starben. Ihre Zahl geht in die Hunderttausende, aber sie hört ja nicht auf – etwa mit dem Ende der Kolonialzeit – diese Zahl setzt sich fort bis jetzt“.

Damit sind auch schon die beiden Hauptargumentationslinien beschrieben, an Hand derer die Ausstellung konzipiert ist. Nämlich der „Fall Potosí“ als Paradebeispiel für die Funktionsweise des Kapitalismus, seine Durchsetzung durch ursprüngliche Akkumulation, die darauf folgenden Ausbeutungsprozesse und wie er schließlich die Stätten seines Wirkens verwüstet zurück lässt. Dabei geht es in der Ausstellung einerseits darum zu zeigen, wie der Aufstieg und Wohlstand Europas eine unmittelbare und direkte Folge der blutigen Ausbeutung der Kolonien war und dies nicht etwa eine Rand- oder Folgeerscheinung oder eben ein Zeichen für die „Überlegenheit“ der europäischen Staaten war. Diese behauptete Überlegenheit, mit der die Ausbeutung auch legitimiert wurde, wurde durch die Repression erst hergestellt. Zum anderen wird gezeigt, dass diese ursprüngliche Akkumulation nicht auf die Anfangsphase des Kapitalismus beschränkt ist, sondern untrennbar mit ihm verbunden und sich durchzieht bis heute, wo sie etwa in China, Russland, aber nach wie vor auch in den ehemaligen Kolonien praktiziert wird.

Diese Parallelen werden, und das ist das Spannende und wohl auch Einzigartige an dieser Ausstellung, an Hand von Bildern aus dem Bolivien des 16. und 17. Jahrhunderts analysiert und beschrieben und Künstler aus den betroffenen Ländern von heute geben ihre Antworten darauf.

Die Ausstellung erschließt sich auf verschiedenen Wegen, die man anhand von zwei Aussagen und einer Frage durchwandern kann (ich hab es nicht geschafft, das wirklich alles abzuarbeiten, würde mindestens einen Tag brauchen, außerdem ist doch leider einiges nur auf Spanisch verfügbar):

  • Es gibt eine ursprüngliche Akkumulation, die nur so genannt ist
  • Es gibt Menschenrechte, um Recht über Menschen zu haben
  • Wie können wir das fremde Lied im Land des Herrn singen?

So eröffnet die Ausstellung interessante Perspektiven, arbeitet mit unkonventionellen Methoden und bringt überraschende Ergebnisse. Wenn etwa aus der Analyse eines Bildes die Produktions- und Machtverhältnisse der damaligen Zeit rekonstruiert werden, wenn sichtbar wird, dass es nur die Behausungen der Reichen, also der Kolonialmacht und ihrer Helfer, waren, die überlebt haben und der historischen Forschung dienen, während die Viertel der Arbeiter spurlos verschwunden sind und sich auch Archäologen nicht darum kümmern. Etwas, das mir auch schon in Rom aufgefallen war und das wohl symptomatisch für den Umgang mit Geschichte ist. Dagegen stellt sich ein selbstorganisiertes Museum der chinesischen Wanderarbeiter, das deren Kultur sichtbar macht, deren Wissen dem hegemonialen Wissen der Kultur des aktuellen globalisierten Kapitalismus gegenüber stellt.

Da gibt es den Beichtspiegel für die Indios, der, neben den in Europa üblichen detaillierten Fragen zur sexuellen Praxis, solche nach den als „heidnisch“ angesehenen Praktiken aufweist und so traditionellen Wissen als Sünde darstellt, die mit den grausamsten Strafen in der Hölle in Zusammenhang gebracht werden. Bildliche Darstellungen dieser Grausamkeiten sind einer der Schwerpunkte der Ausstellung, was auf die unrühmliche Rolle der Kirche bei der Legitimation der Unterdrückung hinweist. Oder es geht darum, den Unterschied zwischen Coca-Blättern, die zur jahrhundertealten Tradition der Indio-Völker gehören und dem von Europäern erfunden Kokain klar zu machen und dass man die Probleme, die durch zweiteres verursacht werden, nicht zum Anlass nehmen darf, die Existenz der Coca-Bauern in Columbien zu zerstören.

Neben all diesen Qualitäten ist eine Schwäche der Ausstellung ihre ideologische Engführung. Sie entwickelt sich im Wesentlichen rund um ein Marx-Zitat (und bei allem Respekt vor Marx, auch er schafft es nicht, mit einem Satz die ganze Komplexität menschlicher Gesellschaften, noch nicht einmal die des Kapitalismus, abzubilden ;-)):

„Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ (und da mich mein persönlicher Marx-Experte nicht nur mit der Übersetzung sondern auch mit der exakten Quellenangabe versorgt hat, kann ich auch damit glänzen: das kapital, 1.band, mew 23, kapitel über „die sogenannte ursprüngliche akkumulation“, seite 779, danke Pyrx ;-))

Die Kritik kurz zusammengefasst: nicht alle Lebensäußerungen der Menschen, emotionale, künstlerische, religiöse lassen sich auf Produktionsverhältnisse zurückführen, ebenso lassen sich nicht alle Machtverhältnisse auf Produktionsverhältnisse reduzieren und schließlich fokussiert die Ausstellung fast ausschließlich auf Repression und kaum auf die emanzipatorischen und widerständigen Elemente, die in Machtverhältnisse immer auch eingehen.

Obwohl z.B. vieles von dem was hier gezeigt wird, erst durch postkoloniale TheoretikerInnen wirklich erschlossen wurde, und auch das Buch „Orientalismus“ von Edward Said aufliegt, ebenso wie Eduardo Galeanos „Die offenen Adern Lateinamerikas“ wird hier argumentiert, als hätte es keine postkoloniale und feministische Theorieentwicklung gegeben und jede Form von Repression sei mit den Produktionsverhältnissen ausreichend begründet.

So wird auch Religion ausschließlich als gewaltreiches Mittel zur Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise und zu deren Legitimation interpretiert. Eine Rolle der christlichen Kirche, die man auf gar keinen Fall unter den Tisch kehren sollte. Aber der christlichen Religion wohnt eben auch ein befreiender Impetus inne, der auch und gerade in Lateinamerika immer noch zum Ausdruck kommt. So waren es nicht selten auch Priester, die die Indios in ihrem Kampf gegen die Enteignung durch westliche Konzerne unterstützten, wie hier beschrieben, oder eben Vertreter der Befreiungstheologie, die immer wieder Pfarrer und Bischöfe dazu bewegte ihr Leben zu riskieren für die Rechte der Indigenen, wie etwa Bischof Erwin Kräutler, der gerade den alternativen Nobelpreis zugesprochen bekam.

Das gleiche gilt für Menschenrechte. Auch wenn sie natürlich auch zur Legitimation kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse verwendet werden, so haben sie doch auch emanzipatorisches Potenzial. Dieses nicht zus sehen, bedeutet auch den Einsatz all derer zu missachten, die im Kampf für sie ihr Leben lassen mussten.

Und schließlich wird alles nur unter dem Blickwinkel der Repression analysiert und gedeutet. Gerade in der Kunst sind immer auch subversive Elemente zu finden, im Alltag unterdrückter Menschen finden sich immer auch Praktiken des Widerstandes, die man in den Bildern sicher auch finden könnte, wenn man danach suchen würde. Das wird erst in den letzten beiden Stationen angedeutungsweise versucht. Das entspricht so gar nicht der Sichtweise von Peter Linebaugh und Silvia Federici, deren Bücher ebenfalls als theoretische Grundlagen dieser Ausstellung dienten und die gerade die Rolle der Unterdrückten und ihres Widerstandes als Triebkraft der Geschichte immer wieder betonen, die Geschichte also als eine Geschichte „von unten“ neu zu schreiben versuchen. Diese Ausstellung zeigt zwar die Geschichte der Unterdrückten, zeichnet diese aber hauptsächlich als Opfer und nur selten als handelnde Akteure und noch weniger als Akteurinnen.

Trotzdem: eine sehenswerte Ausstellung, wenn man sie eben als eine mögliche Art der Darstellung und Interpretation betrachtet und nicht als ganze und endgültige Wahrheit.

Und was das alles mit der österreichischen Neutralität zu tun hat? König Philipp II. der in Spanien zu jener Zeit herrschte, war ja Habsburgischer Abstammung und auch mit einer Habsburgerin verheiratet. Die Habsburgermonarchie hat also indirekt diese Ausbeutung der Kolonien gestützt und auch davon profitiert. Was einmal mehr eine Österreichische Geschichtslüge aufdeckt, nämlich die, dass wir ja nie Kolonien gehabt hätten und mit diesen ganzen Grausamkeiten gar nichts zu tun gehabt hätten. Ja, die Habsburger haben damals Heiratspolitik statt Kriegsführung betrieben, unschuldig waren sie trotzdem nicht. Eine ähnliche Geschichtslüge ist ja die von der Opferrolle, die Österreich gerne bezüglich des Nationalsozialismus einnimmt – das unschuldige erste Opfer von Hitler, wir können ja gar nichts dafür. Und das führt uns schließlich direkt zur aktuellen kollektiven Illusion, nämlich der von der österreichischen Neutralität. Das war damals sicher in geschickter politischer Schachzug, in der heutigen Situation, nach dem Ende des kalten Krieges und als Mitglied der EU und der Nato-Partnerschaft für den Frieden ist die Behauptung der Neutralität anachronistisch und auch nicht mehr sinnvoll. In welchen Konflikten sollten wir denn neutral sein? Im „Krieg gegen den Terror“ – oder im Krieg gegen die Migration aus dem Süden, in den Kriegen um die Rohstoffe, die derzeit überall in der Welt geführt werden? Wir sind es nicht, und schon gar nicht in den Kriegen, die mittels Freihandelsrecht geführt werden. Neutralität heißt immer auch, dass man vermeiden kann Stellung zu beziehen und Partei zu ergreifen, damit kann man, wer immer auch als Sieger aus dem Konflikt hervorgeht, sagen, wir waren nicht dabei, wir sind nicht schuld, uns kann man nicht zur Verantwortung ziehen.

Für Österreich ist die Neutralität zum Fetisch geworden, neben Mozartkugeln und Lipizzanern der wesentliche Aspekt, an dem Durchschnitts-ÖsterreicherInnen und KronenzeitungsleserInnen ihre Identität festmachen, deshalb wird sie von den PolitkerInnen nach innen immer noch beschworen, obwohl sie in der Realität schon längst obsolet ist. Und die steirische KPÖ, in dem von ihr gepflegten Linkspopulismus, der sich mit der Kronenzeitung bestens verträgt, wandelt einfach den Nationalfeiertag am 26. Oktober in den „Neutralitätsfeiertag“ um, weil sie weiß, dass das bei den Bevölkerungsschichten, die sie ansprechen will, gut ankommt und Nationalismus ja nicht hoch im Kurs steht und spielt damit dieses Verschleierungsspiel mit. Liebe GenossInnen, wacht auf! Es gab einmal eine Zeit, das stand die Bildung der Arbeiterklasse ganz oben am Programm kommunistischer Parteien, nicht deren Verdummung gemeinsam mit populistischen Medien und bürgerlichen PolitikerInnen.

Und an dieser Stelle noch ein Nachtrag zum Elevate, den ich in der Eile vergessen habe:
Es gab dort eine Vorstellung von Klaus Schönbergers und Ove Sutters Buch „Kommt herunter, reiht euch ein“, ein historischer Vergleich der Protestformen in Österreich, von den Anfängen der ArbeiterInnenbewegung bis heute. Die – durchaus stimmige – Diagnose: der Protest hat sich geändert, weil sich die Produktionsverhältnisse geändert haben, nämlich von der stofflichen Produktion zur Symbolproduktion. Dementsprechend bedient sich der Protest heute dieser Produktionsmedien und ihrer Subversion. Das stimmt sicher, wurde in den Beiträgen auch gut gezeigt, allerdings ist es ebenfalls verkürzt, hier in die anderer Richtung. Hier werden die Produktionsverhältnisse nicht in ihrer Gesamtheit erfasst, sie werden unterbewertet. Eine Nachfrage aus dem Publikum, wie denn die verschiedenen aktuellen Formen der Besetzung als Protestform in diesem Rahmen zu bewerten sind, wurde damit beantwortet, dass man sich damit nicht beschäftigt habe.

Aber: von Symbolproduktion werden wir nicht satt und Symbole können nicht als Waren angeeignet werden. Daher gibt es natürlich immer noch stoffliche Produktion, zu einem guten Teil in die ökonomische Peripherie ausgelagert und mit ursprünglicher Akkumulation verbunden (s. Ausstellung). Auch Symbolproduktion ist, weil eben Symbole nur beschränkt direkten Mehrwert produzieren, der durch Verkauf der Waren realisiert werden könnte, mit Akkumulation durch Enteignung verbunden, in Form von geistigem Eigentum und Patenten. Daher ist die Besetzung als Wiederaneignung in mehrfacher Bedeutung ein notwendiger Teil des Protests in dieser Phase des Kapitalismus, der nur scheinbar auf Symbolproduktion fokussiert ist.

So wie die Symbolproduktion und die Akkumulation durch Enteignung zusammen gehören, gehören auch die Proteste, die die Symbolproduktion subvertieren, und die Besetzungen zusammen, nur gemeinsam machen sie Sinn im Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und das wird ja in vielen zeitgenössischen Protestformen deutlich, die Uniproteste sind nur die aktuell sichtbarste davon.

Eine Antwort

  1. Danke für die schriftliche Fortsetzung deines Berichts über die Ausstellung, den du in Berlin mündlich begonnen hast! Ich werde wohl hingehen.
    Beste Grüße!

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