Die Sprache der Subalternen

Der Begriff „Subalterne“ stammt aus der Hegemonietheorie von Antonio Gramsci, er hat damit die Gruppen von Menschen bezeichnet, „denen der Zugang zu hegemonialen Teilen der Gesellschaft verschlossen ist“. Eine ähnliche Definition habe ich im Radio vor einiger Zeit für „Prekariat“ gehört, ich weiß leider nicht mehr von wem: Zum Prekariat gehören demnach „Menschen, die vom System ausgesondert worden sind, weil es sich nicht mehr lohnt sie auszubeuten“.

Ausbeutung ist hier nicht moralisch gemeint, hat nichts mit den Bedingungen der Lohnarbeit zu tun, sondern schlicht mit ihrer Tatsache. Lohnarbeit heißt, dass Menschen Waren produzieren, die sie selbst nicht brauchen und die ihnen dann auch nicht gehören. Den Mehrwert der Warenproduktion bekommen diejenigen, denen die Produktionsmittel gehören. Trotzdem sind Menschen, die Arbeit haben, Teil dieses hegemonialen Systems, das auf Privateigentum, Lohnarbeit, Warenform und Marktvermittlung aufbaut und sie ziehen Nutzen daraus, es sorgt für ihren Lebensunterhalt, wenn auch oft mehr schlecht als recht. Solange Menschen Arbeit haben, eine gute Ausbildung oder noch studieren, machen sie sich zumindest noch Hoffnungen auf einen Platz in der Gesellschaft. Dazu brauchen sie dieses System, auch wenn sie mit ihm in vieler Hinsicht unzufrieden sind, es gibt ja kein anderes. Wird die Unzufriedenheit zu groß, fordern sie mehr Mitbestimmung in diesem System, eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, eine angemessene Bezahlung für ihre Arbeit, ein menschenwürdiges Leben. Aber sie wenden sich nicht gegen das, was aus ihrer Sicht die Quelle all dieser positiven Zukunftserwartungen darstellt: den Staat, die „Wirtschaft“, und alle Institutionen, die zu unserer Konsumgesellschaft gehören.

Sie verwenden in ihren Protesten Argumente, die von den Herrschenden zwar nicht geteilt, aber doch verstanden werden. Sie denken in den selben Mustern, deshalb können sie streiten, sie können Forderungen stellen, die auch in den Medien durchaus anerkannt werden. Solche Proteste – sei es in Nordafrika, Spanien, Griechenland oder Stuttgart –  werden von vielen bewundert und unterstützt, von anderen kritisiert, auf jeden Fall aber als legitim angesehen. Sie bewegen sich innerhalb der Wissensordnungen und der Konfliktaustragungsformen unserer Gesellschaft. Aber:

Können die Subalternen sprechen?

Diese Frage stellte Gayatri Chakravorty Spivak und sie kam zu dem Schluss, sie könnten es nicht, weil ihre Sprache nicht gehört werde. Das meinte wohl auch Martin Luther King als er sagte: „a riot is the language of the unheard“.

Das ist, so sagt man, der Unterschied zwischen den Jugendprotesten in Madrid, Athen oder Kairo und denen in England. Hier sprechen die, die keine Hemmungen haben, das zu zerstören, was für sie keine Zukunftsoptionen bereithält, weil es sich nicht einmal mehr lohnt sie auszubeuten, weil sie keine Chance haben ins hegemoniale System integriert zu werden, die Voraussetzung für sozialen Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe. Und das was sie zu sagen haben, hat die Gesellschaft, an deren Rand sie leben, über Jahre nicht gehört. Nun haben sie eine Sprache gewählt, die zwar gehört, aber immer noch nicht verstanden wird. Das Entsetzen über die Gewalt ist groß und es ist sicher nicht gespielt. Als Lösung werden aber einzig noch mehr Polizei und strenge Strafen angeboten. Denn diese Proteste seien ja nicht politisch, die seinen nur kriminell.

Können auch Plünderungen eine politische Sprache sein?

Ja, sagt Saskia Sassen im Standard Interview:

Diese Leute leben in einer der reichsten Städte der Welt mit unglaublicher Ungleichheit. Sie haben das Gefühl: Plündern ist ein Weg zu bekommen, was ihnen ohnehin zusteht und was sie sich nicht leisten können. Steine schmeißen, Autos anzünden, städtische Gewalt, das ist eine Art der Sprache. Menschen zerbrechen, was sie erwischen können.

Der Vorwurf, diese Jugendlichen hätten keine politischen Ziele, es gehe ihnen nur darum, jene Konsumartikel zu bekommen, die sich nicht leisten können und nie leisten können werden ist ein Vorwurf, den diese Gesellschaft an sich selbst zu richten hat. Haben wir doch längst die Politik von den dafür vorgesehenen Institutionen in den Supermarkt verlegt. Anstatt Gesetze gegen entwürdigende Arbeitsbedingungen und Naturzerstörung beschließen, wird von KonsumentInnen verlangt, beim Einkauf mit der Geldbörse abzustimmen. Anstatt demokratische Rechte zu stärken legitimiert sich die Politik über Konsumentenschutz. Nicht als mündige BürgerInnen werden wir behandelt, sondern wir wurden längst zu KundInnen degradiert, zum Publikum in einer Dauertalkshow, bei der der gewinnt, der sich am besten verkaufen kann.

Einkaufen, das ist das Mittel, mit dem Bürgerinnen und Bürger aufgerufen werden, die Welt zu retten, aus welcher Krise auch immer. Präsident Bush sen. rief nach dem Attentat am 9. Sept. 2001 seine Landsleute auf, doch ja nicht auzuhören, einzukaufen, gegen die schwächelnde amerikanische Wirtschaft galt es als bestes Mittel, die Kauffähigkeit der Menschen zu erhalten, und sei es durch Kredite, von denen man wusste, dass die meisten sie nie zurückzahlen würden können. Auch in der Wirtschaftskrise wurden Menschen  zum Kaufen angehalten. Demokratische Mitbestimmung, Mitgestaltung und Teilhabe am Gemeinwesen sind nur mehr Makulatur. Staatsbürgerpflichten werden im Supermarkt erledigt, sozialer Status , Identität und Lebensgefühl durch Kaufverhalten bestimmt. „Kauf dich glücklich“, diesen Slogan hab ich kürzlich in Köln gelesen.

Unter diesen Umständen ist das, was die Kids derzeit in den englischen Städten machen, genau das Richtige! Es ist der Beweis, dass sie die Logik dieser Gesellschaft absolut verstanden haben. Wer keine Konsummöglichkeiten hat, fühlt sich nicht nur aus dem Wohlstand ausgeschlossen, er kann auch nicht mit der Geldbörse abstimmen, er kann sich nicht an den Tätigkeiten beteiligen, durch die kollektive Identität hergestellt wird. Die Plünderung der Konsumtempel ist eine adäquate Aktionsform in einer Gesellschaft, in der der Supermarkt zur Agora wird, zu dem Platz, wo BürgerInnen über das Schicksal ihrer Gesellschaft entscheiden. Oder, wie es ein englischer Blogger ausdrückte: „Britons chose to be consumers over being citizens. This isn’t anarchy, this is the consumer society without the means.“

Was wie Entpolitisierung der Jugend aussieht ist tatsächlich Ausdruck einer Entpolitisierung des Staates. Wer versucht politische Probleme durch Konsumverhalten zu lösen, darf sich nicht wundern, wenn die Plünderung von Supermärkten zum politischen Ausdruck derer wird, die sich Kaufen nicht leisten können.

Der Schaden? Mehr als 100 Millionen Pfund, hoffentlich durch Versicherungen gedeckt und die Reparaturarbeiten werden ja sicher die englische Wirtschaft ankurbeln. In anderen Kategorien können Politiker, Wirtschaftexperten und Journalisten offensichtlich nicht mehr denken. Die Reaktion auf die Aufstände folgte exakt derselben Logik: Ein Vertreter der englischen Wirtschaft betonte in einem Interview, das ich vor kurzem gelesen habe – sorry, auch das finde ich nicht mehr, ich war ziemlich beschäftigt die letzten Tage – das Wichtigste sei, dass die Wirtschaft nicht darunter leide, dass die Unternehmen geschützt würden, damit das „business as usual“ möglichst ungestört weitergehen könnte. Die Schäden werden einzig und allein in finanziellen Werten angegeben, ein anderes Maß steht dafür anscheinend gar nicht zur Verfügung. Das ist im Grunde ein Beweis dafür, dass die Jugendlichen die einzige Sprache gewählt haben, die offensichtlich beide Seiten verstehen, die einzige Sprache, in der sie sich in einer rund um den Konsum angeordneten Gesellschaft verständlich machen konnten. Sie haben die Gesellschaft genau dort getroffen haben, wo es weh tut. Ob uns das gefällt oder nicht.

3 Antworten

  1. Gut geschrieben. Sagt dir der Begriff „Relative Deprivation“ etwas? (http://de.wikipedia.org/wiki/Deprivation#Objektive_Deprivation)

  2. Ja wohl!Gut geschrieben.

  3. The Tug of war between have and have-not has been continuing since time immemorial.On one hand we provoke to purchase and simultaneously provide finance for purchasing the non-essential goods & services,and in the process purchase/subjugate the consumer’s future income.This is in fact a way to subvert the independence of an individual…a type of colonization.
    No Political System is free from this defect.This is the law of survival of the fittest
    Whenever some specie is on top of the food chain,here the hierarchy,I do not see any viable solution to this omini present problem.
    The solution,in my opinion lies in sprituality.My note on the role of this important tool has been sumerised in 10 points under“A PEACE PROPOSAL“
    The Indian Philosophy has prevented violence of clash between these two classes for over 5 Milleniums;and in spite of the onslaught of modern consumerism culture & steep difference in income, it has prevented any outburst of violent clashes amongst different sections.Yes there have been instances of violent religious riots,but the route cause has been hidden in political or colonial vested policies.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: