StadtLesen

Einmal im Jahr kann man für ein paar Tage am Grazer Hauptplatz sitzen – und nicht nur das, man kann es sich gemütlich machen, liegen, herumknotzen und dabei lesen. Sitzmöglichkeiten auf dem Hauptplatz sind sonst in Graz verpönt, denn es könnten sich ja dort auch Punks, Betrunkene, Obdachlose oder sonstige Subjekte hinsetzen, die die Ästhetik und das Geschäft stören würden. Oft finden dort irgendwelche Veranstaltungen statt, bei denen man viel Geld ausgeben kann. Von heute bis Sonntag ist alles anders. StadtLesen hat in Graz Station gemacht. Große „Sitzsäcke“ liegen herum, einige Enzis aus dem Wiener Museumsquartier stehen da, und Bücherregale aus denen jede/r nehmen kann um nach Lust und Laune zu schmökern. Bitte einfach die Fotos auf diesem Blog anschauen, dann ist alles klar :-).

Natürlich werden sich die Verlage und die andern Firmen, die das sponsern auch erhoffen, dass sie dadurch das eine oder andere Buch oder Getränk mehr verkaufen. Aber allzu groß schätze ich dieses Potenzial nicht ein, denn Stadtlesen ist Commoning. Menschen nehmen das Angebot der Sitzplätze gerne an. Zum Rasten, Plaudern, Essen, Trinken oder Kuscheln. Und viele liegen stundenlang da und vertiefen sich in ihre Lieblingsbücher. Es gibt dort nichts zu Kaufen – aber auch nichts geschenkt (zumindest fast nichts)  – aber alle dürfen alles nutzen.

Für manche ist das aber auch irritierend. Ein alter Mann kommt vorbei. „Kann man hier was mitnehmen?“ fragt er. Die Auskunft, dass man die Bücher nur hier lesen könne, befriedigt ihn nicht. Er sucht herum, entdeckt schließlich Kugelschreiber, die man mitnehmen darf. Befriedigt zieht er ab. Eine Viertelstunde später ist er noch einmal da, schaut verstohlen um sich und nimmt sich noch einen Kugelschreiber. Nur das scheint für ihn etwas wert zu sein, was er mitnehmen, für sich selber haben und auch zu Hause horten kann, und wenn es nur zwei Kugelschreiber sind. Dabei halte ich es für unwahrscheinlich, dass er mit zwei Kugelschreibern gleichzeitig schreibt. Das ist auch so ein Verhalten, das dieses Knappheitssystem hervorruft – wenn es etwas gratis gibt, dann schnell soviel wie möglich nehmen, wer weiß wie lange es noch geht. Dieses Verhalten ist verständlich bei Menschen, die Mangel am eigenen Leib erfahren haben, vielleicht täglich erfahren.

Anders ein junger Mann der mit seiner Freundin vorbeikommt. Sie schauen sich die Bücher an, die Frau nimmt sich ein Buch, setzt sich auf einen Enzi – er bleibt skeptisch: da ist sicher irgendein Schmäh dabei, meint er misstrauisch. Wer in der Konsumgesellschaft aufgewachsen ist weiß, wenn es was gratis gibt, dann wird ihm normalerweise auf einem Umweg doch das Geld aus der Tasche gelockt.

Dabei passiert hier nichst anderes, als dass der Grazer Hauptplatz, die Polster, die Enzis und die Bücher hier für vier Tage zu Commons werden – schön und so einfach – und für manche anscheinend doch schwer zu begreifen. Genau genommen gibt es also gar nichts „gratis“ außer der paar Kugelschreiber. Sondern man kann Dinge nutzen, die andere Menschen als Commons zur Verfügung stellen, unter bestimmten Bedingungen, zu den Öffnungszeiten, innerhalb eines genau abgegrenzten Raumes (Grenzen sind wichtig bei Commons!) und natürlich muss man auch Verantwortung dafür übernehmen, solange man die Bücher nutzt, also so damit umgehen, dass die nächste auch noch Freude dran hat. Höchste Zeit, dass so etwas öfter passiert, damit die Menschen es verstehen lernen, eigentlich könnten wir uns das auch selber machen!

Ich hab heute dort jedenfalls fast die Hälfte von Arno Geigers letztem Buch gelesen und wenn es sich ausgeht, werde ich morgen noch einmal vorbei schauen, um die zweite Hälfte zu lesen.

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4 Antworten

  1. Für Deine deutschen Leserinnen: Man kann „herumknotzen“? Ich dachte, ein Schreibfehler kann es angesichts des settings nicht sein 🙂 Also muss es sowas sein wie das Österreichische „chillen“, ge?
    Sehr hübsch. Ab auf’s Kommunalwiki damit.

  2. Haha, ich hab schon überlegt, ob ich da eine Erklärung dazuschreiben soll, hab mir aber dann gedacht, ich warte mal, ob was kommt :-). Unter chillen würd ich eher rasten verstehen. Statt sich hinknotzen würdest du vermutlich hinlümmeln sagen, das was wir bei der Hörstation der Ausstellung Platz da! gemacht haben. Nicht sitzen, nicht liegen, so richtig gemütlich knotzen halt :-), diese Säcke sind ja dafür ideal.
    Kommunalwiki: gute Idee!

  3. Danke für den tollen Blogeintrag 🙂 Besucht doch auch mal unseren: stadtlesen.blogspot.com

  4. @ hannah: hab ich doch, ich hab ihn ja sogar verlinkt!

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