Das Potential der Peer-Produktion

Gleich zweimal (Samstag und Sonntag) stand die Peer Produktion beim Elevate Festival in Graz auf dem Programm. Christian Siefkes war zu Gast und wie immer bei diesem und ähnlichen Themen herrschte viel Interesse und es gab rege Diskussionen. Menschen, die in Commons-Projekten tätig sind trafen auf solche, die das gerne machen würden, aber es sich noch nicht so richtig vorstellen können.

Hier der Text von Christian Siefkes.

Meist tauchen ja die gleichen Fragen auf:

– Wer denn die unangenehmen Arbeiten erledigen solle? Ich finde es inzwischen ja ziemlich seltsam. Die Leute, die die unangenehmen Arbeiten machen (Klo putzen, Müllabfuhr, usw.), sind in unserer Gesellschaft diejenigen, die das geringste Ansehen haben. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass sie meist wenig verdienen, aber es müsste uns doch wirklich langsam auffallen, dass sie in Hinblick auf gesellschaftlichen Nutzen doch einiges mehr an Wertschätzung verdienen würden. Und genau das geschieht bei Peer Produktion, wo nicht Waren, sondern Gebrauchswerte produziert werden. Wenn es Arbeiten gibt, die niemand gerne macht, aber alle wollen, dass sie geschehen, dann bekommt die Person, die sie übernimmt, ein hohes Ansehen, sie wird von allen geschätzt, dass alleine kann die Motivation für solche Arbeiten schon erhöhen.

– Wie denn die Regeln gefunden werden können, wie Entscheidungen getroffen werden sollen? Ja, das ist eine Frage, die es jedes Mal neu zu stellen gilt. Von Ostrom wissen wir: es gibt nicht ein Modell für alle, jedes Commons braucht seine eigenen Regeln, die von der Ressource abhängen und von der Kultur der NutzerInnen. Und kulturelle Unterschiede beschränken sich keineswegs auf Menschen verschiedener Herkunftsländer. Das wurde deutlich, als ein Mann aus dem epizentrum, dem besetzten Haus in Wien, und einer vom FabLab ihre Vorgangsweisen schilderten. Im epizentrum ist man sehr darauf bedacht, dass alle Entscheidungen von allen getroffen werden, dass sich keine Hierarchien bilden, weil manche mehr wissen, als andere, dass sich niemand Räume „für sich“ aneignet. Im Fablab geht man viel pragmatischer vor. Diejenigen, die etwas machen, bestimmen, wie es gemacht wird, da redet ihnen niemand drein. Wer mitreden will, muss auch mitmachen. In allen Fällen gilt, Entscheidungen, die getroffen werden, müssen immer auch wieder veränderbar sein, wir müssen aus der Erfahrung lernen.

– Woher die Zeit und die Ressourcen nehmen?

– Wie können wir uns so organisieren, dass wir mit der knappen Zeit auskommen?

– Woher kennen wir unsere „wirklichen“ Bedürfnisse? usw.

Als ich Christians Vortrag und die darauf folgenden Diskussionen hörte, fielen mir aber ein paar Dinge auf, die ich bisher noch nicht beachtet hatte.

Peer-Produktion – alter Wein in neuen Schläuchen?

Bei der Diskussion kam die Frage aus dem Publikum, was denn der Unterschied sei, zwischen der Peer Produktion in der freien Software und jenen unbezahlten, ehrenamtlichen Arbeiten, die es schon immer gab. Christian meinte, im Grunde gäbe es keinen Unterschied, es handle sich um die gleichen Prinzipien. Das sage ich auch immer, wenn ich über Commons rede. Commons sind nichts Neues, es gab sie schon immer, wir haben nur verlernt, sie als wichtig für die gesellschaftliche Produktion anzuerkennen und versuchen noch häufig genug, sie in Waren zu verwandeln, weil sie dann ja mehr wert zu sein scheinen.

Ich finde es aber doch bemerkenswert, dass in dem Augenblick, wo es sich um technische Dinge handelt, die hauptsächlich von Männern hergestellt werden, das nun einen neuen Namen bekommt, die Abläufe und Funktionsweise erforscht werden und behauptet wird, es handle sich um die Produktionsweise der Zukunft. Lange schon haben feministische Wissenschaftlerinnen berechnet, dass die Menge der unbezahlten Arbeit die der bezahlten sogar in den Industrieländern übersteigt, in anderen Regionen der Welt werden bis zum 80% der gesellschaftlichen notwendigen Arbei unbezahlt geleistet. Frauen haben die Anerkennung der Bedeutung der unbezahlter Arbeit eingefordert und ihre gerechtere Verteilung. Aber sie sind nie auf die Idee gekommen, diese Produktionsweise als Alternative zum Kapitalismus und Mittel zu seiner Überwindung darzustellen und sie wurde in all den Jahren nicht so gut erforscht und so vielfach beschrieben und gepriesen wie die Peer Produktion schon in kurzer Zeit. Das ist ja lobenswert und es ist durchaus so, dass damit auch die „alten“ Formen unbezahlter Arbeit aufgewertet werden, dass die neuen Forschungen auch für sie Relevanz haben. Ein interessantes Phänomen ist es trotzdem.

Produktive Arbeit?

Diese Überlegungen brachte ich am nächsten Tag im Workshop ein. In Reaktionen darauf wurde als Unterschied z.B. genannt, die unbezahlte Arbeit geschehe ja in den privaten Haushalten, das sei nicht vergleichbar. Aber nein, ich meine nicht die Hausarbeit, ich meine gesellschaftliche unbezahlte Arbeit, in Vereinen, bei Nachbarschaftshilfe, oder in Ländern, wo ein Großteil der Nahrungsmittelproduktion noch jenseits der Marktlogik, aber doch innerhalb der Dorfgemeinschaft geschieht.

Zweites Argument: es handle sich in diesem Fall ja um Produktion von Dingen, wärend das andere „nur“ Reproduktionsarbeit sei. Da ist es wieder, dieses Argument, mit dem linke, kapitalismuskritische Menschen eine kapitalistische Kategorie unreflektiert übernehmen. „Produktive“ Arbeit, dieser Begriff bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass es sich um Arbeit handelt, die Mehrwert schafft, der durch Verkauf der produzierten Waren oder Dienstleistungen realisiert werden kann und damit zum errechneten Volkseinkommen beiträgt. Er bezieht sich also auf Warenproduktion in einem Lohnarbeitsverhältnis. Er sagt nichts über die Beschaffenheit des Produktes aus. Als Reproduktionsarbeit gelten dem gegenüber diejenigen Tätigkeiten, die zur Produktion von Arbeitskraft notwendig sind. Das bedeutet keineswegs, dass in der Reproduktionsarbeit nicht auch Dinge produziert würden. Da werden Lebensmittel angebaut, Essen gekocht, Holz gehackt, usw. Und es gibt einen großen Bereich unbezahlter Arbeit, der nicht der unmittelbaren Reproduktion dient und in dem jede Menge produziert wird. Da strickt jemand Pullover für Freunde, Mitglieder eines Vereins bauen eine Schutzhütte, Menschen arbeiten in ihrem Urlaub an der Renovierung von Häusern oder Wegen. Auch das ist im kapitalistischen Sinn unproduktive Arbeit (während gleichzeitig auch Reproduktionsarbeit im Bildungs- oder Gesundheitsbereich bezahlterweise verrichtet wird und damit im kapitalistischen Sinn produktive Arbeit darstellt). Aber auch das wird nicht als alternative Produktionsweise angesehen, denn es macht ja Spass – und die Vorstellung, dass Spass produktiv sein kann, hatte in unserem Denken bisher auch keinen Platz.

In Wirklichkeit ist der Sektor unbezahlter Arbeit sehr produktiv, aber es werden Gebrauchswerte produziert, keine Waren, daher ist er im kapitalistischen Sinn unproduktiv. Das gilt aber auch für die Peer Produktion, weil auch hier keine Waren hergestellt werden. Die Privilegierung der „Produktionsarbeit“ gegenüber der „Reproduktionsarbeit“ bleibt also genau jener Logik verhaftet, die eigentlich überwunden werden soll, sie nimmt eine Unterscheidung vor, die in der Welt der Peer Produktion nicht existiert. Hier stellen Menschen all die Dinge her, die sie für die Reproduktion –  und nach Möglichkeit Verbesserung – ihrer Lebensbedingungen brauchen. Die Produktion von Dingen wird dann Teil der Reproduktionstätigkeiten. Da unterscheidet sich die in Peer Produktion hergestellte freie Software nicht von den in Peer Produktion angebauten Kartoffeln oder ebenso gebauten Häusern.

Nicht was, sondern wie wir produzieren ist wichtig!

Zwei Unterschiede sehe ich doch zwischen der „alten“ und der „neuen“ unbezahlten Arbeit. Der erste ist der, dass sich die „neuen“ Peer-Produzenten sehr bewusst damit auseinandersetzen, wie sie ihre Arbeit organisieren und deren Produkte verteilen und dass es ihnen genau dadurch erst möglich ist, ihre Art zu produzieren ganz klar von der kapitalistischen Produktionsweise zu unterscheiden. Und wenn da das Selbstverständnis so formuliert wird „Wir lehnen ab: Könige, Präsidenten und Abstimmungen, …“ (David Clark) dann wird klar, dass das „wie“ des miteinander Umgehens mindestens so wichtig ist, wie das Produkt, das dabei herauskommt. Die „alte“ unbezahlte Arbeit, die manchmal mit dem Begriff Care-Ökonomie bezeichnet wird, bezog ihr Selbstverständnis daraus, etwas Nützliches für die Gesellschaft herzustellen, dafür forderte sie auch Anerkennung ein. Ihr Hauptziel war nicht, auf eine andere Art und Weise miteinander umzugehen, wenn die Selbstbestimmung auch eine wichtige Rolle spielen mochte. Auch die Vereinsmitglieder, die miteinander ihr Vereinshaus bauten, setzten sich nicht besonders mit ihren Beziehungen untereinander, mit der Art der Entscheidungsfindung, oder Ähnlichem auseinander. Etwas zu machen, weil es Spass machte und so wie es Spass machte und in erster Linie weil man es selbst braucht – auch wenn die Produkte dann allen zur Verfügung gestellt werden – das war für die „alten“ ehrenamtlich Tätigen offensichtlich kein Wert an sich, der besondere Aufmerksamkeit oder Anerkennung verdiente. Genau das wird aber relevant, wenn wir nach gesellschaftlichen Alternativen jenseits des Marktes suchen. Hier, denke ich, kann das altehrwürdige Ehrenamt von den neuen Forschungen zur Peer Produktion profitieren und zu neuem Ansehen kommen. Die Menschen, die unbezahlt arbeiten, können aber auch ihre eigene Praxis reflektieren und überlegen, wie es mit hierarchischen Strukturen in den bestehenden Vereinen usw. aussieht.

Von der Ware zum Commons

Ein weiterer Unterschied zwischen der modernen Peer-Produktion und der bisherigen unbezahlten Arbeit in der Gebrauchswertproduktion ist, dass die sogenannte „Reproduktionsarbeit“ immer schon außerhalb der Sphäre kapitalistischer Warenproduktion lag und erst in den letzten Jahrzehnten teilweise hineingeholt wurde –  die vielkritisierte Privatisierung und Ökonomisierung öffentlicher Dienstleistungen. Die neuen Formen der Peerproduktion entstehen in einem Bereich, der im Zentrum kapitalistischer Verwertung zu stehen scheint. Wir reden von Wissens- und Informationsgesellschaft, neue Medien und soziale Netzwerke sind die Symbole von Innovation und technischer Entwicklung, Google, Facebook, Apple & Co. gehören zu den größten und gewinnbringendsten Konzernen der Welt. Es ist noch gar nicht so lange her, da schien die „New Economy“, jene schöne neue Welt von Medien und Information, die Triebkraft für grenzenlose Akkumulation zu sein. Diese Erwartungen wurden durch das Platzen der Dotcom Blase enttäuscht.

Manchmal frag ich mich, ob das Platzen dieser Blase schon durch das Aufkommen der neuen, nichkommerziellen Produktionsweisen zumindest mitverursacht wurde, weil Dinge, die im Überfluss vorhanden sind und deren Vervielfältigung kaum mehr Kosten verursacht, keinen Profit einbringen. Trotzdem gelten IT-Unternehmen immer noch als krisensichere Anlage und als zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig. Und gerade hier, im Herzen des Kapitalismus sozusagen, entstehen nicht-kapitalistische Produktionsweisen. Menschen kehren von der bezahlten Warenproduktion zurück zur unbezahlten Produktion von Gebrauchswerten. Das ist bemerkenswert und ich weiß nicht, ob es das in dieser Form schon einmal gegeben hat. Es scheint, dass hier etwas entsteht, dass sich der kapitalistischen Verwertbarkeit entzieht. Aber was bedeutet das?

Der Kapitalismus braucht immer ein Außen

Kapitalismustheorien gehen ja davon aus, dass durch den Wachstumszwang immer neue gesellschaftliche Bereiche in die Marktlogik einbezogen werden. Das ist vor allem notwendig um in Krisen wieder neue Profitquellen zu finden. Wenn dann alles „kommodifiziert“ ist und es kein Außen mehr gibt, sei das Ende des Kapitalismus gekommen, meinten manche. Die Fähigkeit des Kapitals immer neue Felder für Profit und Akkumulation zu finden, wurde unterschätzt. Gegenwärtig sind z.B. die Schäden, die die kapitalistische Produktionsweise anrichtet, zu einer der wichtigsten Hoffnungen für neues Wachstum geworden – die Reparatur von Gesundheits- und Umweltschäden, die Extraktion von CO2 aus der Luft, usw.

David Harvey meint jedoch, dass in der Entwicklungsdynamik des Kapitalismus nicht nur immer neue Bereiche ins Marktsystem hereingeholt werden, sondern gleichzeitig andere ausgeschlossen werden. Der Kapitalismus braucht Bereiche außerhalb des Systems, die ihn mit kostenlosen Ressourcen versorgen und an die er die Kosten seiner Produktionsweise auslagern kann. Im Krisenfall können diese Bereiche hereingeholt werden, um wieder neue Wachstumschancen zu eröffnen, dafür müssen wieder andere ausgeschlossen werden. Perpetuum mobile, sozusagen.

Könnte es nicht so sein, dass – nachdem klar wird, dass sich Wissens- und Informationsproduktion tendenziell der Verwertbarkeit entzieht – diese dem Bereich der Peer Produktion überlassen wird, aus dem das kapitalistische System sich mit kostenlosen Ressourcen versorgt, während im Gegenzug Gesundheit und Bildung, die lange einen Sektor außerhalb des Marktes bildeten als neuer Wachstumsmotor mehr und mehr ökonomisiert werden?

Klar ist, dass die Unternehmen die Möglichkeit durch geistiges Eigentum und Patente Geld zu verdienen, nicht kampflos aufgeben. In dem Ausmaß, wie die Peer Produktion zunimmt, nehmen auch die Kämpfe um den Zugang zu diesen Ressourcen zu. Die derzeit stattfindenden Verschärfungen von Eigentumsrechten, die Kriminalisierung von Internetdownloads, usw. sind ein Zeichen dafür, dass die Peer Produktion die Kreise des Kapitals empfindlich zu stören beginnt. Wenn sich herausstellt, dass diese Kämpfe nicht gewonnen werden können, oder doch nur um den Preis erheblicher sozialer Unruhen, besteht jedoch die Möglichkeit, dass das Kapital die Peer Produktion in diesem Bereich zulässt und sie kooptiert, um davon zu profitieren. Ich sage nicht, dass das so ist, ich sage nur, dass es so sein könnte und dass wir dann überlegen müssten, wie wir verhindern können, dass das passiert. Wie können wir das emanzipatorische Potential nutzen, damit nicht die neuen Formen der Peer Produktion, sich – wie die alten – doch wieder darauf beschränken, kostenlose Produktionsmittel – in dem Fall Wissen und Informationen – für das bestehende System bereitzustellen und damit wieder billigere Produktion und neues Wachstum und Akkumulation ermöglichen?

Entwicklung neuer Produktionsweisen + Aneignung der Ressourcen

Das Potenzial zur Überwindung des Systems ist in den Commons und der Peer Produktion auf jeden Fall vorhanden, es wird von mehreren Kriterien abhängen, ob es genutzt werden kann. Um nicht nur Zulieferer für das kapitalistische System zu spielen, ist es unumgänglich, die Entwicklung neuer Produktionsweisen mit sozialen Kämpfen um die Aneignung von Ressourcen – natürlichen und selbst produzierten – zu verbinden, meinte Christian. Und das denke ich auch: nur wenn alle gleichermaßen und nach demokratisch ausgehandelten Regeln Zugang zu natürlichen Ressourcen haben und wenn wir uns die Dinge, die wir selbst herstellen – materielle und immaterielle – , als Gebrauchswerte selbst aneignen können – individuell und kollektiv – dann haben wir die Chance unsere Reproduktion unabhängig vom Markt zu organisieren. Die Peer Produktion als Keimform ist eine Ausgangsbasis dafür, wohin sie sich entwickelt, hängt ganz wesentlich von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen ab.

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Eine Antwort

  1. […] Kratzwald hat in ihrem Artikel Das Potential der Peer-Produktion einen sehr guten Überblick über die Diskussionen rund um die Peer-Produktion beim diesjährigen […]

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