Die Suche nach Alternativen

… beschäftigt derzeit viele Menschen. Mittlerweile sind auch die Mainstreammedien voll davon, wenngleich die Alternativen dort oft dem Anspruch nicht gerecht werden, weil sie die Grundlogik des kapitalistischen Wirtschaftssystems – Warenproduktion durch Lohnarbeit und Äquivalenztausch – nicht in Frage stellen. So zum Beispiel all die Ideen, bei denen es um ein neues Geldsystem geht, das Akkumulation durch reine Finanzgeschäfte unmöglich machen soll, damit das Geld denen bleibt, die fleißig arbeiten – wie in diesem, in den letzten Tagen heiß diskutierten Modell der sogenannten Humanwirtschaft.

Oder auch diejenigen, die die Reparatur vom System verursachter, sozialer und ökologischer Probleme zur Profiterzielung in eben jenem System nutzbar machen, anstatt sich für die Beseitigung der Ursachen einzusetzen und dabei meist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen punkten, wie der Hype um die Green Economy zeigt und wodurch die Ausbeutung der Lohnarbeitenden sogar zur sozial wertvollen Leistung wird, wie im Modell der Social Entrepreneurship. Mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit und sozialer Marginalisierung wird wieder häufiger die Marienthal-Studie zitiert, die die katastrophalen Folgen von Erwerbsarbeitslosigkeit zeigt. Abgesehen davon, dass die Menschen damals wirklich existenziellen Mangel litten an allem was man zum Leben braucht, was heute bei uns ja nicht der Fall ist, wird hauptsächlich die Bedeutung von Lohnarbeit für soziales Ansehen, die Tagesstruktur und das Selbstwertgefühl betont. Es sei also auf jeden Fall notwendig, Menschen einen Arbeit zu verschaffen, egal welche! Denn ohne Lohnarbeit ist mensch nicht Mensch.

Dabei gibt es viele neuere Studien, die zeigen, dass auch die Arbeit krank macht (oft sogar tödliche Folgen hat), die Zunahme des Burnout-Syndroms ist nur eine Spitze des Eisbergs, die zahlreichen Frühpensionierungen wegen Arbeitsunfähigkeit eine andere. Die vielen Menschen, die sich mit Medikamenten und Drogen arbeitsfähig halten, werden kaum je erwähnt. Nun kommt aber niemand auf die Idee zu sagen, Arbeit macht krank, also schauen wir, dass wir die Menschen entlasten und ihnen weniger Arbeit zumuten. Im Gegenteil, hier versucht man die Menschen zu „reparieren“ und anzupassen, damit sie mit den enormen Anforderungen des Arbeitslebens zurecht kommen. Und es wird schnell angefügt, dass Arbeitslosigkeit noch gefährlicher für die Gesundheit sei, als Arbeit – eine weitere Paradoxie dieser Gesellschaft. Warum kommt niemand auf die Idee, die Arbeitslosen zu unterstützen, damit sie mit der Arbeitslosigkeit besser zurecht kommen und in der freien Zeit Dinge machen, die ihnen Spass machen und auch für andere nützlich sind?

Naja, das ist wohl zuviel verlangt in einer Gesellschaft, in der Lohnarbeit zum Fetisch geworden ist, genauso wie Konsum, was bedeutet, durch exzessives Shopping den Sinn im Leben zu finden, den die Arbeit längst nicht mehr geben kann. Umso wichtiger sind da die Alternativen, die sich von diesen Dingen abwenden und da passierte einiges in den letzten Wochen auf praktischer und theoretischer Ebene. Erst mal zur Praxis:

Gib und nimm!

Ich wünsche mir ja schon lange einen Umsonstladen in Graz, bisher hat es nicht geklappt. Und dann kam da plötzlich das Mail, dass eine Gruppe von Menschen, die sich auf Facebook gefunden hatte, einen Raum für einen Schenkbazar suchte. Eine Person aus dem Spektral ist in dieser Facebook-Gruppe und so fand der Gib-und-nimm-Schenkbazar am ersten Adventsamstag im Spektral statt, an dem Tag, an dem der große Einkaufsrummel offiziell startet. Und es kamen viele Menschen ins Spektral, Menschen, die davor noch nie etwas davon gehört hatten, weil sie aus ganz anderen Zusammehängen kommen. Es war ein sehr netter Tag. Es gab zu Essen und zu Trinken, man lernte sich kennen und nahm sich vor weiter dran zu bleiben an dem trotz verschiedener Weltanschauungen gemeinsamen Ziel: einem Umsonstladen in Graz. Auch wenn ich es nicht gern tue, ich muss hier ein Hoch auf Facebook aussprechen! Zum Glück ist inzwischen auch schon eine normale Webseite im Entstehen, damit auch FB-Verweigerinnen mitmachen können ;-). Um sehr ähnliche Dinge, wenn auch ein breiteres Spektrum, ging es bei der Veranstaltung

Commons in der Stadt

die ich für die Grüne Bildungswerkstatt Wien organisieren durfte. Wir hatten viele Initiativen und Projekte eingeladen, die sonst kaum miteinander zu tun haben. Da waren die Bürgerinitiativen zum Erhalt der Steinhofgründe und gegen die Lobauautobahn und die Vernetzungsplattform für Bürgerinitiaven Aktion 21 neben Vertreterinnen von Stadtgärten und der Schenke, einem der Wiener Umsonstläden. Da waren Leute aus der Bikekitchen und vom LastenRad Kollektiv mit ihren selbst gebauten Fahrrädern und ein Mann der offenen Bücherschränke organisiert und betreut. Und da waren auch Leute vom Metalab mit ihren 3D-Druckern, die wohl viele von uns zum ersten Mal in Aktion sahen, und einige junge Männer von der Free Software Foundation und von Wikimedia Österreich. Und diese Mischung erwies sich als sehr produktiv. Es kam zu intensivem Austausch und regen Gesprächen. Eine Gruppe entschloss sich spontan zu einer Aktion im öffentlichen Raum beim alternativen Faschingsumzug der Straßenzeitung Augustin, eine andere gründete eine Obstbauminitiative. Vor allem das Zusammentreffen der Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus setzte viel kreatives Potential frei. Und dass auch die „Software-Freaks“ und die „Nerds“ aus dem Metalab Menschen zum Anfassen sind, mit denen man sich unterhalten kann, das war wohl für viele eine wichtige Erkenntnis. Um 17 Uhr sollte Schluss sein, es dauerte noch einige Zeit, bis wirklich alle draußen waren und die meistgestellte Frage war: wann gibt’s wieder so eine Veranstaltung? Das wird wohl noch einige Zeit dauern, für mich ging es erst mal mit Theorie weiter, die Rosa-Luxemburg-Stiftung lud zur Veranstaltung

COM‘ ON! – Die alte Eigentumswelt dreht sich

– für mich eine willkommene Gelegenheit viele Menschen, mit denen ich normalerweise hauptsächlich über Internet in Kontakt bin, wieder einmal persönlich zu treffen. Erst gab es einige Kurzvorträge, bei denen verschiedene RednerInnen (darunter Stefan Meretz und ich) ihre Sicht auf die Commons darstellten, aufgelockert von kurzen Videoclips zum Thema. Obwohl Stefan und ich bei weitem nicht immer einer Meinung sind, finde ich, dass unsere beiden Sichtweisen gemeinsam ein immer schlüssigeres Gesamtbild geben, bei der Gelegenheit einmal: danke Stefan für die immer anregenden Diskussionen! Den größten Teil der Veranstaltung aber bildeten informelle Diskussionsrunden, eine gute Möglichkeit, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und auch die verschiedenen Perspektiven kennen zu lernen. Die Vielfalt der Vorstellungen von Commons halt wohl nur jene überrascht, die nicht so mit der Diskussion vertraut sind. Einerseits ist das Bedürfnis nach einer klaren Definition groß, andererseits kann eine solche nicht gegeben werden. Theoretisch gibt es natürlich eine klare Abgrenzung, da unter den gegebenen Bedingungen Commons aber immer innerhalb des kapitalistischen Systems existieren müssen, sind die Übergänge immer fließend und die reine Form, die Stefan theoretisch so schlüssig darstellen kann, gibt es in der Realität nicht. Es gilt also Richtlinien zu haben, an Hand derer man entscheiden kann, die Entscheidung kann aber nur am konkreten Beispiel durchgespielt und getroffen werden.

Jenseits von Warenform und Äquivalenztausch

Das sind wohl die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale: Commons haben nicht den Zweck, Waren zu produzieren, sondern Bedürfnisse zu befriedigen. Und in Commons findet kein Tausch statt. Das ist oft schwer zu verstehen, denn viele Menschen halten Tauschkreise für Commons. Aber jemand hat es kürzlich sehr treffend gesagt: auch in Tauschkreisen verhungern die Menschen, die nichts zu tauschen haben. Also die Logik, du musst erst etwas leisten, um an das Tauschmittel zu kommen, das du brauchst, um deine Bedürfnisse zu befriedigen, besteht weiterhin. Weil das Tauschmittel anders heißt, ist es noch keine Überwindung der Marktlogik.

(Trotzdem ist es so, dass Tauschkreise eine Übergangslösung sein können, für Menschen, die sich eine Welt jenseits der Tauschlogik nicht vorstellen können. In Tauschkreisen wird nämlich etwas erlebbar, das normalerweise „hinter dem Rücken der Produzenten“ geschieht: es wird deutlich, dass die Festlegung des Tauschwertes ein sozialer Prozess ist und Menschen beginnen sich mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen wahrzunehmen und erfahren die Exklusionsprozesse die durch die Tauschlogik entstehen – und es kommt dann häufig zu einem Umdenken, das die reine Tauschlogik durchbricht und sich an der Bedürfnisbefriedigung ausrichtet. Das war aber nicht Teil der Diskussionen in Berlin, sondern in anderem Zusammenhang).

In allen Diskussionen dort, die an „meinem“ Tisch stattfanden, ging es aber um die Frage des Geldes. Keine Warenform und kein Tausch, das führt dazu, dass viele meinen, sobald Geld im Spiel ist, kann es sich um kein Commons mehr handeln. Tatsächlich kommen wir in unserer heutigen Welt nicht weit ohne Geld, weil ja alle Dinge, die wir als Commons nutzen wollen, erst mal Privateigentum sind, wir sie also erst „loskaufen“ müssen. Der Umsonstladen braucht ebenso Geld um die Miete zu bezahlen, wie die Bikekitchen oder das Metalab. Für den Gemeinschaftsgarten muss erst Land gekauft werden und auch die Freie-Software-Programmierer brauchen ihre Computer und Server und auch sie müssen essen. Es kommt darauf an, wie mit dem Geld umgegangen wird. Geld kann ein Beitrag sein, den Menschen, die genug davon haben, zum Funktionieren eines Commons leisten. Geld darf aber nicht die Voraussetzung für die Nutzung eines Commons sein. Auch wer kein Geld beitragen kann, kann im Umsonstladen Dinge holen – und natürlich auch bringen. Andere tragen Geld für die Miete bei, obwohl sie den Laden vielleicht gar nicht nutzen, einfach weil sie gut finden, dass es so etwas gibt. Geld zu haben oder nicht zu haben, ist nicht das Kriterium, an dem sich die Zugangsmöglichkeiten entscheiden. Auch innerhalb von Commons braucht es Geld – Menschen müssen essen, wohnen, zu Veranstaltungen anreisen. Auch hier können Regelungen so getroffen werden, dass niemand auf Grund von Geldmangel ausgeschlossen wird – jedeR zahlt, was er oder sie kann. Das Finden von kreativen, nicht-kapitalistischen Umgangsformen mit Geld ist ein wichtiger Schritt, um die Sphäre der Commons zu stärken. Entsprechend dem Thema unserer Tischrunde wurden auch andere

Möglichkeiten zur Ausweitung der Commons-Sphäre

besprochen. Es sollte grundsätzlich in die Richtung gehen, immer Menschen in immer mehr Bereichen ihres Lebens immer mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten zu geben. Räume zu schaffen, in denen mit solchen Formen experimentiert werden kann, weil wir Selbstbestimmung in unserem Bildungssystem ja nicht lernen, das könnte ein wichtiger Beitrag dazu sein, so wie bei Unibesetzungen oder Hausbesetzungen; gerade auch für Kinder und Jugendliche, wie es in freien Schulen im Rahmen des Möglichen praktiziert wird. Eine weitere Möglichkeit ist, bestehendes Recht entgegen seiner Intention, Privateigentum zu schützen, so anzuwenden, dass es die Schaffung von Privateigentum verhindert. Beispiele dafür sind etwa das Mietshäusersyndikat oder die Creative Commons Lizenzen, wo das gesetzlich vorgegebene Urheberrecht benutzt wird, um Texte, Musik oder Bilder frei zugänglich zu machen.

Schließlich bieten Commons eben eine Alternative zu der Dualität Staat – Markt. Während staatliches Eigentum, staatliche Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen ja ursprünglich dazu gedacht waren, Bereiche aus dem Markt herauszuhalten, tut der Staat im Neoliberalismus genau das Gegenteil, er trägt dazu bei, immer mehr Dinge zu Waren zu machen. Da wäre es eine Alternative, Bereiche aus dem nunmehr gemeinsamen Organisationsbereich von Staat und Markt herauszuholen und den Menschen zur Selbstverwaltung zu übergeben, eine Alternative, der sich auch politische Parteien nähern könnten. Ein anderer Zugang wäre, die Verfügungsmacht über das Öffentliche den Menschen zurückzugeben, etwa dem „Recht auf Stadt“ ein „Recht auf den Staat“ hinzuzufügen, oder auch entspechend dem Slogan „Reclaim the State“, sich die Kontrolle über die öffentlichen Finanzen und Infrastruktur sukzessive zurückzuholen, was natürlich auf lokaler Ebene am ehesten möglich ist.

Wenn auch am Ende viele meinten, sie gingen mit mehr Fragen als Antworten nach Hause, war es doch ein gelungener Tag. Die Komplexität der Krisen lässt die einfachen abschließenden Antworten nicht zu, wir wissen nicht, wie die neue Welt aussehen wird, wir müssen sie erst erfinden. Die richtigen Fragen zu stellen, kann ein wichter erster Schritt dafür sein.

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Eine Antwort

  1. Danke an Brigitte Kratzwald für ihre Beiträge! Ich bin einer von denen, die sich am liebsten dort engagieren, wo sie wohnen (ich in Wien im 10.Bezirk in „meinem“ „Triesterviertel“), aber diese klugen, aber doch halbwegs verständlichen Analysen und Schilderungen von vielen anderen Initiativen sind für mich wertvolle Orientierungshilfe und Bestärkung für meine lokalen Bemühungen. DANKE FÜR DIESE MÜHE!

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