Win-Win-Situationen – gibt es das?

Im Standard vom 14. Jänner (leider kann ich den Artikel nicht online finden) wurde von einer Win-Win-Situation der Hegdefonds berichtet. Es ging um ihre Rolle und Position in Bezug auf die griechischen Staatsschulden. Die Hedgefonds haben sich, so konnte man da lesen, mit griechischen Staatsanleihen eingedeckt und gleichzeitig Kreditausfallsversicherungen abgeschlossen. Sie haben daher überhaupt kein Interesse daran, etwa auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten um den griechischen Staatshaushalt zu entlasten. Geht das Land pleite, wird die Ausfallsversicherung schlagend. Wenn ein ausreichend großer Teil der Gläubiger sich am Schuldenschnitt beteiligt, könnten jene, die das nicht tun, ohne Verluste davon kommen. Die Hedgefonds befänden sich also in einer Win-Win-Situation. Das hat mich irgendwie irritiert.

Als Win-Win-Situation bezeichnet man üblicherweise eine Situation, an der mehrere Partner beteiligt sind und die für beide oder alle beteiligten Menschen oder Parteien einen Vorteil bringt. Ob das möglich ist, hängt davon ab, in welcher Beziehung diese Menschen oder Parteien zueinander stehen.

Stehen die Menschen in Konfliktbeziehungen zueinander, bedeutet das, dass grundsätzlich der Vorteil des Einen der Nachteil des Anderen ist. Daher sind Win-Win-Situationen hier nicht möglich. Konfliktbeziehungen können zwischen gleichberechtigten Partnern bestehen, dann handelt es sich um Konkurrenzbeziehungen, oder sie können in Form von hierarchischen Beziehungen auftreten. Alle Beziehungen die über den Markt vermittelt werden, sind Konfliktbeziehungen. Egal ob zwischen Produzenten und Konsumenten, Unternehmern und Lohnarbeitern, Schuldnern und Gläubigern oder zwischen den Unternehmen und den ArbeiterInnen untereinander, überall gilt, was für den einen gut ist, ist für den anderen schlecht.

In solchen Beziehungen kann man bestenfalls Kompromisse finden. Das bedeutet, einer verzichtet ein Stück auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse damit der andere ein bisschen mehr bekommt, oder alle bekommen ein bisschen weniger. Solche Kompromisse sind daher auch immer davon bedroht, dass sie eine Seite nicht einhält. Vor allem in hierarchischen Beziehungen ist ja die Partei, die in der Hierarchie „oben“ ist, nicht auf den Kompromiss angewiesen, sie hat ja nur Nachteile davon. Die Einhaltung ist dann meist eine Frage der Gerechtigkeit, also von der individuellen Werthaltung abhängig, und sie ist dadurch begrenzt, dass eben die Zugeständnisse nicht soweit führen können, dass das den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit einer Partei bedeuten würde. Solange die Wirtschaft floriert und für alle genug da ist, tritt der Konflikt in den Hintergrund. Wird die Situation brenzlig, versuchen natürlich alle, ihre Haut zu retten und diejenigen, die mehr Macht haben, haben da natürlich die besseren Karten. Aber auch in den formal „horizontalen“ Konfliktbeziehungen haben nicht alle die gleichen Chancen.

Wenn jemand also etwa in Bezug auf Marktregelungen, in Bezug auf die Liberalisierung des Welthandels oder die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, von Win-Win-Situationen spricht, ist das immer Etikettenschwindel. Das zeigt sich ja auch recht schnell. Wenn Länder mit sehr unterschiedlichem wirtschaftlichen Potential die gleichen Chancen auf dem Markt haben, werden die Schwächeren immer unterliegen. Manche Menschen können sich im Wettbewerb um die gut bezahlten Jobs besser durchsetzen als andere. Unternehmen, die sich ihren ArbeitnehmerInnen gegenüber fair verhalten, haben schlechtere Chancen im Wettbewerb, usw. Aber man kann dann sagen, sie hätten ja die gleichen Chancen gehabt, es sei also ihre eigene Schuld, wenn sie es nicht geschafft hätten.

Aber natürlich sind nicht alle Beziehungen Konfliktbeziehungen. In der Familie, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis bestehen Beziehungen, die auf Reziprozität und gegenseitiger Unterstützung aufbauen. Wenn Menschen sich zu Vereinen oder Organisationen zusammenschließen, dann tun sie das genau deshalb, weil alle ihre Bedürfnisse so besser befriedigen können. Hier ist es leicht möglich, Situationen herzustellen, die allen nützen. Es handelt sich dann um Beziehungen, in denen die Handlungen aller Beteiligten so aufeinander abgestimmt sind, dass sie sich gegenseitig stützen. Weil es dort aber keine Konkurrenz gibt, macht es auch keinen Sinn von Gewinnern oder Verlierern zu reden, daher spricht hier auch kaum jemand von eine Win-Win-Situation. Das gilt höchstens in dem Sinn, dass beide an Lebensqualität gewinnen.

Unter bestimmten Bedingungen schaffen es Menschen aber auch, aus bestehenden Konfliktbeziehung herauszukommen und sie in reziproke Beziehungen zu verwandeln. Anstatt des Entweder-Oder wird dann eine Vielzahl möglicher Problemlösungen sichtbar, die durchaus dazu führen können, dass die Erfüllung der Bedürfnisse einer Partei die Erfüllung der Bedürfnisse der anderen nicht behindern, ja möglicherweise noch erleichtern. So wie es bei etwa bei Commons-Regelungen der Fall ist.

Elinor Ostrom beschreibt in dem Buch „Die Verfassung der Allmende“, wie öffentliche und private Wasserversorgungsunternehmen in Kalifornien es geschafft haben, eine Lösung zu finden, die Grundwasserseen nicht so leer zu pumpen, dass Salzwasser eindringen und die Grundwasservorräte zerstören kann. Aber sie mussten dafür in den Beziehungen innerhalb dieses Regelungssystems von der Marktlogik, die ja grundsätzlich Konkurrenz bedeutet, abweichen. Obwohl die Unternehmen das Wasser, dass sie pumpen natürlich auf dem Markt verkaufen, ist die Menge des gepumpten Wassers und dessen Preis nicht abhängig von Angebot und Nachfrage, sondern wird durch das Urteil eines von allen Beteiligten beauftragten Richters nach für alle transparenten Messdaten festgelegt.

Ob es sich dabei um ein Commons handelt, das kann man schon hinterfrgen, da ja das Recht auf die Nutzung von Commons vor allem für die da sein soll, die selbst nichts besitzen. Aus der Sicht einer Institutionestheoretikerin wie Elinor Ostrom handelt es sich dabei aber eindeutig um eine Institution zur Verwaltung von Allmenderessourcen. Und eine Allmende-Institution zeichnet sich eben dadurch aus, dass dort keine Konkurrenzbeziehungen bestehen. Auch hier ist also der Begriff Win-Win-Situation nicht angebracht.

Nun aber zurück zum Standard-Artikel. Was mich irritiert hat ist, hier geht nicht um zwei Parteien, die beide einen Vorteil von einer Lösung hätten. Hier geht es im Gegenteil darum, dass sich eine Institution eine Position geschaffen hat, in der sie immer gewinnt, egal was geschieht. Dazu muss man auch noch sagen, dass das wieder nichts mit Gier oder Ähnlichem zu tun hat. Das ist einfach die Art, wie Hedgefonds arbeiten müssen, schließlich sind sie für das Geld ihrer Anleger verantwortlich. Und unter diesen Anlegern können – zum Beispiel, weil sie eine private Pensionsversicherung haben – Menschen sein, die überhaupt nicht richtig finden, was da passiert und die trotzdem davon profitieren.

Es gibt also ganz legal Instrumente und Mechanismen mit denen sich eine Gruppe von Menschen eine derartige Position schaffen kann, die sie außerhalb aller gesellschaftlichen Zusammehänge positioniert. Wer eine solche Position hat, braucht sich weder an demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligen, noch irgendwas zum Gemeinwohl beitragen. Er steht praktisch über den Dingen, die eine Gesellschaft bewegen. Solche Positionen, denke ich, sind kennzeichnend für feudale Verhältnisse und genau das ist das Problem, das wir heute haben. Es gibt eine relativ kleine Gruppe von Menschen, die automatisch immer reicher werden, unabhängig davon, was die Politik entscheidet, unabhängig davon, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Sie haben sich damit auch von den kapitalistischen Beziehungen abgekoppelt, das ist der Grund, warum sie auch von bürgerlichen Ökonomen, wie etwa Franz Hörmann, so heftig kritisiert werden. Sie verhindern auch, dass der Kapitalismus in der erwarteten Form funktioniert.

Wird der Begriff Win-Win-Situation verwendet, sollte uns das immer skeptisch machen. Im einzigen Fall in dem er wirklich stimmen würde, ist er nicht angebracht, weil es eben ohne Wettbewerb keine Sieger geben kann. Und wo es Wettbewerb gibt, gibt es immer Verlierer, das sollten wir uns nicht schönreden lassen vom Politiker-Neusprech.

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2 Antworten

  1. Ein fälliger und guter Artikel! Eine Beziehung, bei der beide „Wins“ auf einer Seite liegen, als „Win-Win“ zu bezeichnen ist schon frech. Die Verlierer_innen werden entnannt.

    Eine Anmerkung: Reziprozität ist aus meiner Sicht ein „neutraler“ Begriff, d.h. jede Beziehung (auch eine Konkurrenzbeziehung) ist immer reziprok (wechselseitig, gegenseitig). Die Art der Reziprozität, der Wechselseitigkeit oder Gegenseitigkeit, wäre also erst genauer zu kennzeichnen: asymmetrisch, herrschaftsförmig, inklusiv etc.

    Ich weiss, dass etwa „Gegenseitigkeit“ häufig positiv im Sinne der Gleichseitigkeit oder Gleichberechtigung benutzt wird, aber das muss nicht der Fall sein. Dass dem nicht so ist, sieht an etwa an dem neoliberalen Topos, nachdem liberalisierter Welthandel zum „gegenseitigen“ Nutzen der beteiligten Länder sei — was aber aufgrund der unterschiedlichen Niveaus der Produktivität selbst im immanenten Bewertungskanon der Verwertung real eine asymmetrische Gegenseitigkeit ist. So wird aktuell etwa das Landgrabbing gerechtfertigt.

  2. Stimmt, es fehlt uns noch immer ein Begriff, für diese Art von Beziehung, in der die Tätigkeiten und Bedürfnisse der Menschen so vermittelt werden, dass sie nicht gegeneinander stehen, sondern sich gegenseitig unterstützen. Was man nicht benennen kann, das gibt’s offiziell dann auch gar nicht.

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