Working Poor – heute und gestern

Im Standard Album vom 4. Februar war ein Artikel über Putzfrauen. Es ging dabei um eine Ausstellung und ein Buch und soweit ich das nach dem Bericht beurteilen kann, dürften beide eh ganz ok sein. Es wurde aber auch aus einem anderen Buch zitiert, das die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich 2001 geschrieben hat und in dem sie feststellt, dass diese Putzfrauen, ebenso wie viele Menschen im Pflegebereich zu den Working Poor gehören. Das sind jene Menschen, die – obwohl sie schwer arbeiten – nicht genug zum Leben haben. Schlimm genug in reichen Gesellschaften. Die Autorin versteigt sich jedoch zu der Äußerung:

„Wenn jemand für weniger Lohn arbeitet, als er zum Leben braucht …, hat er ein großes Opfer für Sie auf sich genommen. Die Working Poor sind in Wirklichkeit die Philanthropen unserer Gesellschaft. Sie vernachlässigen ihre eigenen Kinder, um sich um jene anderer zu kümmern. Sie leben in Substandardwohnungen, sodass die Wohnungen anderer Leute sauber und aufgeräumt sind. Sie nehmen Entbehrungen auf sich, und dadurch ist die Inflation niedrig, und die Aktienpreise sind hoch.“

Diese Romantisierung, diese Überhöhung und Idealisierung dienender Tätigkeiten wäre angebracht, wenn Menschen die Entscheidung zur Armut und zum Dienen freiwillig treffen, wie etwa in manchen Orden. In diesem Fall aber ist es reinster Zynismus! Diese Menschen machen das nicht aus Altuismus, sie entscheiden sich nicht freiwillig, für weniger Lohn zu arbeiten, als sie zum Leben brauchen – sie werden dazu gezwungen, damit die Inflation niedrig und die Aktienpreise hoch bleiben! Sie sind die Sklaven der heutigen Zeit.

Und der Umgang damit gleicht dem Umgang mit der Sklaverei in früheren Jahren. Diesen pathetische Zynismus findet man auch in Onkel Toms Hütte. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern wie das war, aber was ich noch weiß und was mich schon damals, mit 12 oder so, aufgeregt hat – da gab es einen Pfarrer, der die Tätigkeit der Sklaven als Dienst an der Menschheit romantisiert und überhöht und ihnen dafür einen Lohn im Himmel versprochen hat. Es ging in dem Buch nicht um die Befreiung der Sklaven, sondern darum, die braven und unterwürfigen unter ihnen zu verklären, ohne ihnen grundlegende Menschenrechte zuzugestehen.

Anstatt zu kritisieren, dass es so etwas wie working poor in den USA des 21. Jahrhunderts gibt, bekommen sie einen Heiligenschein und weil man ihre Leistungen ja würdigt, muss man nichts mehr zur Verbesserung ihrer Situation tun – so einfach kann man es sich machen.

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