Demonetize?

Seit einiger Zeit gibt es die Plattform „demonetize.it„, an der auch Menschen von befreundeten Blogs beteiligt sind. Das Motto lautet, „Für eine Welt ohne Tausch und Geld“ und ein Hauptargument ist, nur eine Gesellschaft ohne Geld könne eine solidarische Gesellschaft sein. Ich teile im Wesentlichen die Analyse, die dem zugrunde liegt, nämlich die Kritik an der Tauschlogik und  der Warenform. Mich hat von Anfang an der Fokus auf Geld gestört, weil ich das Gefühl habe, dass das eine Abkürzung ist, in der die wesentlichen Argumente ebenso untergehen, wie der Blick auf die „realen“ Dinge, mit denen wir unsere Bedürfnisse befriedigen können und auf die Art der Produktion. Ich weiß, dass alle diese Menschen das natürlich implizit mitdenken, die Botschaft kommt nach außen jedoch häufig anders an und erzeugt dann Angst oder Schuldgefühle, anstatt der erhofften Irritation, die zum Nach- und Umdenken anregen sollte. Bereits der Zeitgeist-Film machte es klar: eine Gesellschaft ohne Geld muss nicht zwingend eine nachhaltige und demokratische Gesellschaft sein. Ich hab mich daher an der Plattform nicht aktiv beteiligt, habe mich aber, auch weil ich die Menschen sehr schätze, immer wieder in Aktivitäten eingeklinkt. Auf Grund einiger Erfahrungen in den letzten Wochen und Tagen habe ich beschlossen, dass ich in meiner Tätigkeit diesen Begriff nicht mehr verwenden will, weil die unerwünschten Nebenwirkungen im Widerspruch stehen zum erhofften Ziel.

Der Fokus auf Geld unterstützt den aktuellen Diskurs

Es sei ein postmoderner Irrtum, dass Dinge verschwinden würden, wenn man nicht drüber rede, hat Andreas Exner kürzlich auf mein diesbezügliches Argument geantwortet. Das ist eine häufige Fehlinterpretation einer poststrukturalistischen Diskurstheorie. Über bestimmte Dinge nicht zu reden kann durchaus Teil eines bestimmten Diskurses sein, aber darum geht’s hier nicht. Diskurse, also die Art wie bestimmte Dinge in einer Gesellschaft mehrheitlich thematisiert und erklärt werden, führen zur Entstehung von Institutionen, die dafür sorgen, dass diese Erklärungen und Sichtweisen immer wieder reproduziert werden. Sie prägen auch die Subjekte, die in diesen Institutionen sozialisiert werden, ihre Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Daher sind Diskurse ein mächtiges Instrument, bestehende Systeme zu erhalten. Solche Diskurse können durchaus auch durch Gegendiskurse gestützt werden, die dem gleichen Impetus unterliegen. Dass im Moment so schrecklich viel über Geld geredet wird – Bankenkrisen, Staatsschulden, BIP-Wachstum, Rettungsschirme, Milliarden und Abermilliarden werden herumverschoben, dass uns schon ganz schwindlig wird – ist auch ein Zeichen dafür, dass dieses soziale Konstrukt „Geld“ in einer massiven Krise ist, und alles getan werden muss, um die Institutionen zu stärken, die seine Bedeutung absichern. Es muss der Eindruck erweckt werden, unser aller Heil hänge am Geld. Die Leute, die glauben, mit einem Geld ohne Zinsen wäre alles gelöst, vermitteln den gleichen Eindruck – alles steht und fällt mit dem Geld. Und wenn nun jemand sagt, eine solidarische Gesellschaft und ein Gutes Leben seien grundsätzlich nur OHNE Geld möglich, dann macht er das Gleiche, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Das Geld enthält dadurch eine nahezu mystische Bedeutung – nimm das Geld weg und alles ist gut, das Geld wird damit zum Bösen schlechthin. Das verstärkt von der anderen Seite her den Eindruck, dass Wohl oder Wehe einer Gesellschaft von der Existenz oder Nicht-Existenz von Geld abhingen. Anstatt des Geld-Fetisch entsteht der „Welt-ohne-Geld-Fetisch“. Was wir hingegen brauchen, sind Diskurse, die die Bedeutung des Geldes an sich zurückdrängen, die sich seiner Logik entziehen, das wäre natürlich auch eine Art der Demonetarisierung, aber dazu braucht es mehr als ein Schlagwort, bei dem viele Menschen sich schon von vorneherein abwenden.

Geld und Moral

Ja, ich weiß, das alles ist natürlich nicht so gemeint – die gut gemeinte Idee dahinter war, mit einer provokanten Äußerung zum Denken anzuregen und neue Perspektiven zu eröffnen. Aber gut gemeint ist häufig das Gegenteil von gut. Sehr leicht werden daraus Umkehrschlüsse gezogen: bezahlte Arbeit könne nie selbstbestimmt sein, jede bezahlte Arbeit sei „schlecht“, in dem Sinn, dass sie mehr Schaden als Nutzen anrichte (was angeblich Marianne Gronemeyer gesagt haben soll, ich habe es jetzt nicht gefunden, bin dankbar für Hinweise, auch dafür, wenn es nicht stimmen sollte), für „gute“ Arbeit dürfe man kein Geld nehmen, wer Geld hat, kann es nicht ehrlich erworben haben, Commons könnten nur ohne Geld „richtige“ Commons sein.

Mir selbst ist es sehr schwer gefallen, damit umzugehen, dass ich plötzlich für Arbeit bezahlt wurde, die ich gern und selbstbestimmt machen kann. Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen dafür und den Druck, mich rechtfertigen zu müssen. Auch hatte ich überhaupt kein Gefühl dafür, wieviel ich denn jetzt für das erhaltene Geld „leisten“ müsse. Das heißt, ich habe noch absolut in der Logik des Äquivalenztausches gedacht. Ich habe inzwischen gelernt, damit umzugehen – aber ich hatte in den letzten Tagen einige Erfahrungen, die mir erschreckend deutlich vor Augen geführt haben, dass ich kein Einzelfall bin, und dass das Schlagwort „Demonetarisierung“ genau solche Vorstellungen bestärkt. Das ist so ähnlich wie mit der Kirche und der Sexualität. Jeder hat Sex, zumindest für den Arterhalt ist er unumgänglich notwendig, aber man hat ihn moralisch so negativ besetzt, dass alle Menschen Schuldgefühle kriegen mussten und damit konnte man sie unter Kontrolle halten.

Wir brauchen alle Geld in dieser Welt in der wir leben, wenn es nun als moralisch minderwertig wahrgenommen wird und unserem Ziel einer solidarischen Gesellschaft oder dem Ziel des Guten Lebens entgegenzustehen scheint, für Arbeit Geld zu nehmen, dann treiben wir die Menschen, die das ernst nehmen, in tiefe Schuldgefühle  und letztlich noch tiefer in finanzielle Probleme, als sie es ohnehin schon sind. Sie glauben, sich ständig rechtfertigen zu müssen, dafür dass sie Geld brauchen – was ja wahrlich nicht ihre Schuld ist – wir treiben uns selbst in die absurde Situation, dass wir mit Arbeiten, die wir nicht tun wollen, die wir oft genug als schädlich empfinden, das Geld zum Leben verdienen müssen, damit wir die Arbeiten, die wir für wichtig halten gratis tun zu können. Schuldgefühle zu erzeugen, Menschen klein zu machen, Handlungsmöglichkeiten einzuschränken, das ist genau das Gegenteil von dem, was für mich die Commons-Idee bedeutet, nämlich Menschen zu ermächtigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Außerdem tragen wir damit zu der Abwärtsspirale bei, die dazu führt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, dass Menschen bis zum Burnout arbeiten für eine Sache, die ihnen am Herzen liegt und trotzdem kaum genug zum Leben haben. Ich kenne so viele solcher Menschen, die massive Probleme haben, für ihre Arbeit Geld zu nehmen, weil sie genau jenen „Welt-ohne-Geld-Fetisch“ verinnerlicht haben. Denen über Demonetarisierung zu erzählen ist kontraproduktiv, die brauchen andere Botschaften um handlungsfähig zu werden.

Anstatt zu sagen jede bezahlte Arbeit ist schlecht, kann man es auch umgekehrt formulieren: bevor und damit Menschen gute Arbeit machen können, müssen sie ihre Bedürfnisse befriedigen können. Die Frage stellt sich dann anders, nämlich wie können wir im hier und jetzt unsere Bedürfnisse befriedigen. Also die bekannte Commons-Frage: was brauchen wir, welche Ressourcen und Fähigkeiten haben wir + welche Rolle kann Geld dabei spielen und wie kommen wir dazu? In dieser Welt brauchen wir Geld, da kommen wir nicht drum herum, alles andere ist Selbstbetrug und setzt Menschen unter Druck.

Bei anderen Menschen, die dieses „Geld ist schlecht“ nicht internalisiert haben und die mit ihrem Geld über die Runden kommen, löst das Motto „Welt ohne Tausch und Geld“ dagegen häufig Angst aus. Angst davor, von anderen abhängig zu werden, für alles, was sie tun möchten oder brauchen, persönliche Beziehungen aufbauen zu müssen. Geld ist häufig ein Synonym für Unabhängigkeit und das ist wohl in unserer Welt auch so. Oft werden unangenehme Erinnerung an die Enge und soziale Kontrolle in einer Dorfgemeinschaft oder Großfamilie geweckt, aus der gerade das eigene Einkommen ein Entkommen ermöglichte. Das gilt besonders für Frauen, die erlebt haben, wie sie unbezahlte Arbeit in Abhängigkeit gebracht hat und dass sie durch eigenes Geld erst Autonomie gewinnen konnten. Angst vielleicht auch einfach, dass man ihnen ihr Geld wegnehmen will. Da braucht es noch ein paar mehr Zwischenschritte, bis die Botschaft greifen kann, dass die Autonomie durch Geld letztlich nur eine scheinbare ist und dass es letztlich nur eine Autonomie in Abhängigkeit geben kann, dass es auch soziale Beziehungen geben kann, die Autonomie und Selbstentfaltung stärken. Das alles muss vermittelt werden, der Ausgangspunkt Geld reicht dafür nicht aus.

Mir ist es wichtig, Bilder, Begriffe und Formulierungen zu verwenden, die weder Angst noch Schuldgefühle auslösen. Ich habe bemerkt, die „Welt ohne Geld“ ist dafür denkbar schlecht geeignet, weil es notwendig ist, Schritte anzubieten, die von dieser Welt heraus, aus den verschiedenen Situationen, in denen Menschen dort leben, gangbar sind.

Geld bedeutet keineswegs immer Tausch

Wir können das Geld eben nicht abschaffen, auch nicht innerhalb der Menschen, die die fatale Logik, der es unterliegt, erkannt haben. Wir brauchen es nämlich in unseren Außenbeziehungen, aber wir müssen uns jedoch im Innenverhältnis nicht seiner Logik unterwerfen. Das ist ein ganz anderer Zugang. Geld und Tausch sind nämlich keineswegs siamesische Zwillinge. Die Vorstellung des Äquivalenztausches tritt hauptsächlich bei der Verteilung der Güter und Dienstleistungen in Erscheinung. Hier gilt: erst Geld dann Ware und es scheint, dass jede Ware ihren Preis hat, der in der Eigenschaft der Ware begründet ist, was, wie wir wissen, nicht stimmt. Der im Preis ausgedrückte Tauschwert einer Ware bildet in Wahrheit eine soziale Beziehung ab: Jemand besitzt etwas als Privateigentum, das jemand anderer braucht.

Aber bei der Verteilung des Geldes schaut es schon ganz anders aus. Zwar wird uns vermittelt, dass auch Lohnarbeit den Prinzipien des Äquivalenztausches entspräche und so jeder entsprechend seinem Fleiß das Geld bekäme, um einen seiner Leistung angemessenen Lebensstandard zu erreichen. Viel leichter als beim Preis von Waren ist durchschaubar, dass Arbeitskraft keine Ware ist und auch Lohnarbeit kein anonymes, symmetrisches Tauschverhältnis ist, sondern eine soziale Beziehung, bei der die Bezahlung keineswegs dem gesellschaftlichen Wert der dafür geleisteten Arbeiten entspricht. Wie sonst könnte es passieren, dass jemand Millionen erhält um dann später fragen zu müssen, „wos woa mei Leistung?“. Die sich häufenden Bestechungsfälle sind nur ein besonders auffälliges Beispiel dafür, auch innerhalb des gesetzlichen Rahmens können alle sehen, dass Geld nicht nach dem Prinzip des symmetrischen Tausches verteilt wird. Und die Gewinne aus Finanzwetten und Spekulationen, ererbtes Vermögen, da ist weit und breit nichts von Tausch zu sehen. Also, die Verteilung des Geldes, die folgt nicht dem Tauschprinzip, die folgt vor allem dem Machtprinzip und dem Prinzip, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Das bedeutet aber auch, dass wir über die Verteilung des Geldes, über das wir (mit dem wir meine ich alle jene Menschen, die die Verteilungslogik des Marktes nicht für geeignet halten, eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft herzustellen) verfügen, selbst entscheiden können und uns dabei nicht an die von uns kritisierten Mechanismen halten müssen, die dazu führen, dass nur „schlechte“ Arbeit bezahlt wird.

Was ich für wichtig halte, ist den Mythos des Äquivalenztausches zu entlarven, den Begriff „Wert“ zu hinterfragen, ohne das Geld dabei moralisch abzuwerten. Ist es doch gar nicht möglich, den Wert einer Arbeit oder den Wert einer Ware in Geld zu messen. Wenn ich krank bin, ist mir die Arbeit eines Arztes viel wert, möchte ich gerne wegfahren, ist mir die Arbeit der Lokführerin wichtiger. Wer Hunger hat, für den ist Brot mehr wert, als für die, die gerade das zwei Tage alt Brot im Mülleimer entsorgt hat. Im Winter sind warme Pullover mehr wert als im Sommer, und schließlich sind Lebensmittel für Menschen, die einen guten Teil ihre Einkommens dafür ausgeben müssen, immer wertvoller als für solche, die nur einen Bruchteil ihres Einkommens dafür brauchen.

Die Aufforderung „Gib, was es dir wert ist!“, bringt mich jedes Mal in Verlegenheit, weil das, was ich gebe, ja mehr über meine finanzielle Situation aussagt, als über meine Wertschätzung der Arbeit anderer. 10 Euro können für einen Menschen eine Menge Geld sein, der andere zahlt es mit links. Viel besser wäre es, zu sagen, gib, was dir fair erscheint. Das wäre ein erster Schritt, Geld in einer Commons-Logik zu betrachten (Siehe Punkt 2 der Acht Orientierungspunkte für das Commoning). Wenn wir die Tauschlogik kritisieren, müssen wir also keineswegs gleich die Abschaffung des Geldes fordern, sondern wir können einfach vorschlagen, anders mit Geld umzugehen. Das ist ein Ansatz der Selbstermächtigung und ermöglicht gleichzeitig, dass jene Prozesse der Bewertung, die im Geldsystem „hinter dem Rücken der Akteure“ erfolgt, durch einen bewussten Prozess ersetzt werden, dass also neue Sichtweisen und eine andere Art von Beziehungen entstehen können, sich das Verhältnis zum Geld entspannen kann und nicht mehr immer die Rechenmaschine im Kopf rattert – auch eine Art der Demonetarisierung.

Warenform als Verletzung der Grundrechte

Ein weiter Aspekt, der mit Recht kritisiert werden muss, ist die Warenform an sich: dass alle Produkte, die wir zum Leben brauchen, nur gegen Geld erhältlich sind, dass also jemand der kein Geld hat, an der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse gehindert wird. Das ist eine Verletzung der Grundrechte, die jedem Menschen auf Grund seiner Geburt zustehen, und eine Verletzung der Menschenwürde. Es hindert Menschen daran, ihre Fähigkeiten zu entfalten und aktiv zur Gesellschaft beizutragen. Das zu verhindern, dazu diente in der Vergangenheit das Recht auf Nutzung von Commons. Später sollte der Sozialstaat diese Aufgabe übernehmen, was den Nachteil hatte, dass die Kontrolle darüber von der Gesamtheit der Mitglieder einer Gesellschaft auf eigens dafür geschaffene Institutionen überging, die nun von den Finanzmärkten kontrolliert werden. Daher hat auch die Idee der Commons wieder so stark an Bedeutung gewonnen, muss aber an die heutigen Bedingungen angepasst werden.

Wir müssen überlegen, wie diese Grundrechte in unserer Gesellschaft heute abgesichert werden können und zwar so, dass sie die Transformation zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft bestmöglich unterstützen. Ein Teil entsprechender Arrangements müsst auf jeden Fall auch Geld beinhalten, z.B. in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens. Eine andere wäre ein Recht auf die Nutzung von Commons, wobei wir uns überlegen müssten, wie so etwas im heutigen Kontext ausschauen könnte. Ein Grundeinkommen alleine hat den Nachteil, dass es Menschen in erster Linie als KonsumentInnen funktionsfähig erhält und weder auf Fragen nach gesellschaftlicher Mitbestimmung und Selbstentfaltung noch nach einer umweltverträglichen Produktionsweise eine Antwort gibt und das bestehende System nicht in Frage stellt. Da wir aber vermutlich noch längere Zeit in dieser Welt leben müssen, wäre eine Kombination der beiden Modelle vielleicht eine Gute Lösung. Aus meiner Sicht müsste eine zeitgemäße Commons-Regelung auch Regelungen für den Umgang mit Geld enthalten. Dann könnten alle Beteiligten entscheiden, wie man den Zugang zu unterschiedlichen Ressourcen gestalten könnte, wie alle am besten ihre Fähigkeiten entfalten und einbringen und auch ihr Recht zur Mitbestimmung nutzen könnten und welche Rolle wir dem Geld dabei geben wollen.

Dafür finde ich regionale Vernetzungen, die aus unterschiedlichen Elementen des reziproken Austausches ohne Geld, Genossenschaften und einer Einbeziehung von lokalen Unternehmen über lokale Märkte, auch mit Regionalwährungen, wie  z.B. hier oder hier, interessante Lösungen, die die Resilienz einer Region stärken, neue soziale Netzwerke entstehen lassen und den Menschen mehr Gestaltungsspielraum geben und gleichzeitig einen ganz anderen Umgang mit natürlichen Ressourcen ermöglichen.

Nicht das Geld, sondern seine Logik zurückweisen

Wenn wir von einer solchen Sichtweise ausgehen, dann können wir überlegen, welche Möglichkeiten wir haben, uns der Logik zu widersetzen, die uns dieses System aufzudrängen versucht: nämlich, dass Geld entsprechend Leistung vergeben wird, dass nur wer Geld hat, ein Recht auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse hat und wer keines hat, selber schuld ist. Wie können wir dazu beitragen, dass Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können und gut leben können – auch in dieser Gesellschaft? Und dass damit auch ein anderer Umgang mit natürlichen Ressourcen gefördert wird? Da gibt es zahlreiche Möglichkeiten auch außerhalb der oben erwähnten größeren regionalen Systeme. Eine davon wird in CSAs praktiziert, wo nicht nur das Tauschverhältnis aufgehoben ist, das bedeutet, die Bauern werden nicht für ihre Leistung oder pro Einheit eines bestimmten Produktes bezahlt, sondern sie bekommen Geld, um gut produzieren zu können. Zusätzlich findet auch noch Umverteilung zwischen den ErnteanteilhaberInnen statt. Man könnte verschiedene Dinge auf diese Art und Weise organisieren, z.B. Energieversorgung oder öffentlichen Verkehr.

Wir können das Geld, das wir z.B. durch Projektförderungen zur Verfügung haben, nicht nach geleisteten Arbeitsstunden verteilen, sondern nach den Bedürfnissen der Beteiligten, oder wir können es an alle gleich verteilen, oder diejenigen, die ein fixes Einkommen haben, bekommen nichts zusätzlich und wer kein anderes Einkommen hat, bekommt was für die Mitarbeit, oder, oder, oder … Wir können die Umverteilung, die wir vom Staat vergeblich einfordern selbst leben in Gruppen gemeinsamer Ökonomie, wo jede/r beiträgt was er oder sie kann und nimmt was er oder sie braucht. Da finde ich die Vernetzung der Gruppen in Deutschland, wo dann angestrebt wird, dass man sich für größere Ausgaben auch auf höherer Ebenen unterstützen könnte, eine spannende Idee. So können wir dazu beitragen, dass Menschen auch von „guter“ Arbeit, von Arbeit, die ihnen Spass macht leben können. So wie z.B. die Bauern in der CSA. Sie bekommen ihr Geld nicht als Abgeltung ihrer Leistung, sondern sie bekommen Geld, und zwar ein gesichertes Einkommen, DAMIT sie ihre Arbeit gut machen, gut in dem Sinn, dass sie für sie selbst befriedigend ist, die AbnehmerInnen gesunde Lebensmittel bekommen und natürliche Ressourcen, wie Humus und Artenvielfalt erhalten werden.

Auch ich lebe auf diese Weise. Wie sehr meine Arbeit gesellschaftlich nützlich ist, will ich nicht selbst beurteilen. Dass sie mir Spass macht, steht außer Zweifel und sie dürfte zumindest nicht so besonders umweltschädlich sein. Ich kann davon leben, weil es ausreichend Menschen und Organisationen gibt, die das was ich mache so gut und wichtig finden, dass sie mir Geld geben, DAMIT ich sie machen kann. Geld kann so zum Mittel der Ermächtigung und der Ermöglichung werden, damit Menschen gute Arbeit machen können, an der Veränderung der Welt arbeiten können, ohne ständig daran denken zu müssen, wovon sie morgen leben sollen, anstatt Schuldgefühle und Restriktionen zu bewirken. Zusätzlich gibt es Menschen, bei denen ich gratis übernachten, sogar Urlaub machen kann, die meinen Computer umsonst reparieren, ich kann im Umsonstladen Kleider oder Geschirr bekommen, usw. Dafür kann ich Menschen in meiner Wohnung übernachten lassen, wenn ich weg bin und freue mich noch darüber, dass sie nicht leer steht, ich kann für Menschen die kein Geld aufbringen können auch gratis Workshops machen und ich kann auch manchmal jemanden zum Essen einladen. Wenn wir also diese verschiedenen Formen alternativen Wirtschaftens kombinieren, dann können wir uns trotzdem unabhängiger machen vom Geldsystem, auch eine Art der Demonetarisierung. Aber ohne daraus einen Zwang zu machen, der uns wieder einschränkt.

Und ja, natürlich sind das alles nur kleine „Halbinseln„, aber in diesen Halbinseln können wir das lernen und einüben, was wir brauchen, für eine zukunftsfähige Gesellschaft und das alles ist kein Ersatz für politisches und sonstiges Engagement. Es sind Schritte, die es uns möglich machen, langsam unser Denken zu verändern – zu lernen, dass ich einerseits nicht etwas leisten muss, um etwas zu gelten, dass ich auch etwas annehmen darf ohne eine unmittelbare Gegenleistung und dass eine „Gabe“ kein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist. Dass man den Wert von Dingen und Tätigkeiten nicht in Geld messen kann und dass man Bedürfnisse auch anders als mit Geld befriedigen kann. Diese Lernprozesse können wichtige Schritte für eine gesellschaftliche Transformation sein, ohne dass wir den Fokus nur aufs Geld und dessen Logik richten müssen. Denn ganz entziehen können wir uns dieser Logik ohnehin nicht, da halte ich es für sinnvoller bewusst damit umzugehen.

Wir brauchen nicht eine Welt ohne Geld, sondern eine neue Art zu denken

Mein letzter Punkt: Geld und auch der Kapitalismus als Gesellschaftssystem bestehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind eine Folge einer veränderten Weltwahrnehmung, die etwa im 17. Jahrhundert mit der Aufklärung begann. Ihre Merkmale sind analytisches Denken, das die Welt in ihre Einzelteile zerlegt, das zerstören muss, um zu erkennen, das nur nach quantitativen, angeblich rationalen Kriterien misst, das zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gesellschaft, Frauen und Männern, Emotionen und Vernunft, Wirtschaft und Sozialem scharfe Trennlinien zieht, das Natur als ausbeutbaren Ressourcenpool betrachtet, das eine lineare Zeitvorstellung und den Mythos des fortwährenden Wachstums hervorbrachte. Der Mensch ist in diesem Weltbild ein nutzenmaximierender homo oeconomicus, dessen individuelle Interessen den Interessen aller anderer und der Gemeinschaft entgegen stehen, Beziehungen sind nur als symmetrische Tauschbeziehungen denkbar. Alle Wissenschaften und sogar die Musik hat diese Denkweise verändert. Das Geld ist nur ein Ausdruck davon. Hier der Vortrag von Uli Frank zu diesem Thema bei der Sommerschule. Nur das Geld abzuschaffen und ansonsten diese Denkweise beizubehalten würde nichts verändern. Was wir brauchen ist eine ganz andere Art zu Denkens um eine neue Art Wissen hervorzubringen, die die Dinge als Ganzes wahrnimmt, die verbindet statt trennt, qualitative anstatt quantitative Kriterien verwendet, die Vielfalt und Lebendigkeit schätzt und fördert, und ein ganz anderes Bild vom Menschen und den Beziehungen in denen er lebt. Dann ginge die Bedeutung von Geld von selbst zurück, ob es dann ganz verschwindet, ob die Menschen entscheiden, dass es für bestimmte Dinge doch Tauschbeziehungen geben kann, ob es noch Geld und Märkte gibt, oder ob die dann anders heißen, das liegt alles im Bereich der Spekulation.

2 Antworten

  1. Ich habe mir lang und breit Gedanken gemacht, wie wir das System, in dem wir leben, zum Besseren verändern können. Die einzige Möglichkeit sehe ich darin, das Geld „abzuschaffen“ – vorerst in einem gedanklichen Experiment für jedermann nachzuspielen. Der Punkt, der vielerorts nicht beachtet wird, ist der (banale) Umstand, dass Geld die Welt regiert. Ein international gut vernetztes Establishment, das nicht nur über die allergrößten Geldmittel verfügt, sondern auch die Kontrolle der Geld- bzw. Kreditausgabe kontrolliert, wird alles in ihrer Macht stehende tun, um funktionierende Alternativen zum Geldsystem zu vernichten. Im Mikrokosmos der Gesellschaft können demnach alternative Wege gelebt werden, im Großen ist das nicht möglich – jedenfalls nicht, so lange Geld existiert und die vorherrschende Rolle spielt. Nebenbei bemerkt entsteht Geld durch Kredit, ein Sachverhalt, der ebenfalls oftmals unter den Tisch gekehrt wird.

    Wer sich mit der (wahren) Historie von Geld und Kredit näher beschäftigen möchte, dem empfehle ich das (nicht mehr erhältliche) Buch von Paul C. Martin „Aufwärts ohne Ende – Die neue Theorie des Reichtums“ aus dem Jahr 1988. Der Text mag zynisch sein, aber er trifft den Punkt und erklärt historische Gegebenheiten unter einem neuen/anderen, sehr erhellenden Gesichtspunkt. Das Buch ist nicht der letzten Weisheit Schluss, aber ein Anfang.

  2. Es gibt immer Vereinfachungen, z.B. eine »Welt ohne Geld« anzustreben. Auch »Nicht das Geld, sondern seine Logik zurückweisen« oder »Wir brauchen nicht eine Welt ohne Geld, sondern eine neue Art zu denken« sind Vereinfachungen, doch deren Aussagen halte ich für inhaltlich problematisch. Denn: Das Geld ist nicht neutral, sondern es IST seine Logik. Du kannst beides nicht trennen. Du kannst nur versuchen, dich zu dieser Tatsache bewusst zu verhalten, um dann trotz in der Geldlogik gegen die Logik zu handeln. Dazu hast du viele gute Hinweise geliefert. Doch es ist aus meiner Sicht eine Illusion zu meinen, wir müssten nur anders Denken und dann erübrigt sich das Problem Geld. Das geht leider nicht. Hier tauscht du »schlechtes Gewissen« (dein Anliegen, kein schlechtes Gewissen zu machen, teile ich) gegen »Sand in die Augen streuen«.

    Es ist auch nicht so, dass der Äquivalententausch ein Mythos und Arbeitskraft keine Ware wäre. Wäre dem so, dann wäre Kapitalismus schon zu Ende. Allerdings musst du Kategorien und Propaganda unterscheiden. Äquivalententausch ist eine gesellschaftstheoretische Kategorie, ob im Einzelnen davon abgewichen wird (warum auch immer), ist irrelevant, ja hat den Äquivalentenausch als gesellschaftlichem Verhältnis zur Voraussetzung. Begriffe wie »Leistung« sind dagegen Propaganda, gerade weil man den »Wert« nicht messen kann.

    Nochmal zum schlechten Gewissen: Es ist bei Freier Software ähnlich. Viele Leute kommen mit proprietärer Software klar, weil sie sie kennen und Leute kennen, die ihnen bei Problemen helfen. Sie jetzt einzuladen, zu Freier Software zu wechseln, macht ihnen vielleicht ein schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht tun. Obwohl das — im Gegensatz zum Ausstieg aus dem Geld — nun wirklich machbar wäre. Na gut, dann eben nicht. Oder später. Das entscheidet jede_r selbst. Aber wegen des potenziell auftretenden schlechten Gewissens jetzt keine Freie Software mehr empfehlen? Das fände ich sehr merkwürdig.

    Also: Drüber reden halte ich für sinnvoll, ob über Freie Software oder die Perspektive einer Welt ohne Geld. Das geht auch ohne Fetischisierung als Weltformel zur Lösung aller Probleme.

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