Core Economy

In letzter Zeit hat sich für mich eine Erkenntnis herauskristallisiert: Jeder Gesellschaftsentwurf muss auch danach beurteilt werden, welche Rolle in ihm die sogenannten „Care-“ oder „Reproduktionstätigkeiten“ spielen. Bleiben sie unsichtbar, weil transormatorisches Potenzial hauptsächlich in der Lohnarbeit oder zumindest im „öffentlichen“ Bereich gesehen wird? Oder weil die Verkünder dieser Ideen einfach nicht dran denken, weil sie jetzt schon unsichtbar sind?

Im letzten Beitrag dann habe ich beschrieben, dass es darum geht, eben diese Tätigkeiten, die der Produktion und Reproduktion des Lebens dienen, ins Zentrum des Wirtschaftens zu stellen. Mit unterschiedichen Begriffen und etwas anderen Schwerpunktsetzungen machen das die Subsistenzperspektive, die Commonsdiskussion und in jüngster Zeit auch der Care-Diskurs. Nun habe ich gestern etwas Neues erfahren:

Duncan McLaren hielt beim Open Commons Kongress in Linz einen Vortrag mit dem Titel „Sharing Cities: An Urban Commons for The Digital Age“. Er kritisierte das Konzept der „Smart City„, das davon ausgehe, dass „grüne“ Technologien der Königsweg in eine nachhaltige Zukunft wären. Tatsächlich, so meinte er, müssten die wirklich „smarten“ Stadtregierungen auf das Potenzial ihrer BürgerInnen setzen, zu versuchen, deren Fähigkeiten, ihre „capabilities“ zu fördern. Un zu meiner positiven Überraschung benannte er speziell jene, sonst oft unsichtbaren Tätigkeiten, die meist unter Begriffen wie „Reproduktion“ oder „Care“ zusammengefasst werden, eben das, wo Menschen sich umeinander kümmern, sich gegenseitig unterstützen und was eine Voraussetzung für das Weiterleben einer Gesellschaft ist. Er verwendete dafür den Begriff „core economy“ und weil ich das noch nie gehört hatte – bzw vermutet hätte, dass damit etwas ganz anderes gemeint ist – fragte ich ihn, was er damit meine und woher der Begriff stamme.

Er erklärte, die New Economic Foundation, ein linker, eher keynesianischer englischer Think Tank hätte diese Begriff kreiert für genau jene Tätigkeiten, die sonst aus allen ökonomischen Betrachtungen herausfallen um deren zentrale Bedeutung für den Wohlstand einer Gesellschaft ins Blickfeld zu rücken.

Hier ein Dokument dazu und ein hier ein Zitat:

The best hope of growth lies in what has been described as the ‘core’ economy: the human resources that comprise and sustain social life. These resources are embedded in the everyday lives of every individual (time, wisdom, experience, energy, knowledge, skills) and in the relationships among them (love, empathy, responsibility, care, reciprocity, teaching, and learning). They are ‘core’ because they are central and essential to society. They underpin the market economy by raising children, caring for people who are ill, frail, and disabled, feeding families, maintaining households, and building and sustaining intimacies, friendships, social networks, and civil society. They have a key role, too, in safeguarding the natural economy, since everyday human behaviours and lifestyles strongly influence the way we use environmental resources. If we get it right, a thriving core economy will provide essential resources for a well-being system that is fit for the future.

Wie schlau es ist, dafür schon wieder einen neuen Begriff zu erfinden, weiß ich nicht. Welche Chancen er hat, sich durchzusetzen, genau so wenig. Aber ich finde es schon bemerkenswert, dass auch Menschen von einer ökonomischen Perspektive draufkommen, dass es diese Dinge sind, die wirklich die Basis für jede Form des Wirtschaftens sind und die ins Zentrum gerückt werden müssen und das auch klar benennen.

Bei meinen Internetrecherchen habe ich übrigens den Beweis für meine Vermutung gefunden, dass noch vor einigen Jahrzehnten unter „core economy“ tatsächlich genau das Gegenteil verstanden wurde.

„The core of an economy is the collection of allocations of commodities among the consumers of the economy …“ – und natürlich in „… a perfectly competitive economy“.

Im Detail nachzulesen hier. Umso mehr stellt sich die Frage, ob dieser Begriff nicht eher zu Missverständnissen als zur Klarheit beiträgt.

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