Commons und Klimawandel

Aus irgendeinem Grund gibt kaum Aussagen in der Commons-Diskussion zum Thema Klimawandel. Als ich gebeten wurde einen entsprechenden Text für die Broschüre von System Change not Climate Change zu schreiben, war ich auch eher ratlos, es viel mir nicht wirklich etwas ein, das über die allgemeine Argumentation hinausgeht. Letztlich kam ich zu drei Berührungspunkten zwischen dem Commonsdiskurs und dem Klimadiskurs (der entsprechende Text folgt später, wenn die Broschüre erschienen ist), auf die ich dann auch meinen Workshop beim Klimacamp aufbaute.

1. Durch marktförmige und technologische Maßnahmen zum Klimaschutz werden oft Commons eingehegt. Aus der Commons-Perspektive ist es natürlich immer sinnvoll und wichtig, sich gegen die Einhegung von Commons zu engagieren, also gegen technische und marktförmige Mittel dem Klimawandel zu begegnen oder gegen Handelsverträge wie TTIP, das Gesetze, die Emissionen beschränken, noch schwieriger machen.

2. Oft werden Atmosphäre oder Klima als Commons – oder zumindest als Gemeingüter – bezeichnet. Menschen entwickeln detaillierte Konzepte, wie solche Regelungen ausschauen müssten, wie man den pro Person oder Land erlaubten CO2-Ausstoß errechnen kann und wie das mit möglichen Ausgleichszahlungen der Verursacherländer an die von den Auswirkungen betroffenen Länder funktionieren könnte. Normative Forderungen im Sinne von „wir müssen unsere Atmosphäre als Gemeingut behandeln“ werden erhoben und dann erwartet, dass aus der Commonsperspektive begeisterte Zustimmung kommen müsste. Leider kann ich diesem Wunsch nicht entsprechen, denn Commons entstehen nun einmal nicht dadurch, dass jemand die Forderung „wir müssen etwas als Commons behandeln“ erhebt oder vielleicht sogar schon am Schreibtisch einen Plan ausgearbeitet hat, wie das geht. Das heißt nicht, dass es solche Pläne nicht geben sollte und dass da nicht gute Ansätze dabei wären, nur handelt es sich dabei eben gerade nicht um Commonsregelungen, bzw werden Dinge dadurch noch keine Commons. Das hören die Menschen dann nicht gerne, aber da kann ich ihnen auch nicht helfen.

3. Wenn man der Meinung ist, dass ein Systemwandel erforderlich ist, um dem Klimawandel zu begegnen, dann kann die Idee der Commons dafür Orientierung, so etwas wie ein mögliches Denkmodell, anbieten und auch theoretische Grundlagen und funktionierende Beispiele. Das ist die Stärke des Commons-Diskurses.

Aber es ist einfach so: ich habe aus der Commonsperspektive keine spezifischen Aussagen zum Klimawandel anzubieten, außer dass es einen Systemwandel und einen Paradigmenwechsel braucht, um ihn zu stoppen. Das gilt aber nicht nur für den Klimawandel, sondern betrifft ebenso Fragen der Ernährungssouveränität, der Demokratie, der Überwachung, der Stadtplanung, öffentlicher Infrastrukturen, der Wertschätzung der Caretätigkeiten und anderer aktueller Probleme und Krisen. Es braucht keine spezielle Systemänderung gegen den Klimawandel, sondern es ist dasselbe destruktive, extraktivistische, kapitalistische System, das Austeritätsprogramme hervorbringt, Gentechnik, Patente auf Leben und industrielle Landwirtschaft, enorme CO2-Emissionen, Armut, Hunger und soziale Ungleichheit und postdemokratische Zustände. Man muß nicht, wie viele Menschen in der Klimabewegung meinen, alle Menschen auf den Kampf gegen CO2-Emissionen einschwören, weil der Klimawandel die wichtigste aller Krisen sei. Es reicht, wenn Menschen sich aus verschiedenen Gründen, die ihnen gerade nahe stehen, für einen Systemwandel einsetzen. Wenn er in die richtige Richtung geht, dann wird er auch den CO2-Ausstoß senken.

Was es mir so schwer macht, in diese Diskussionen um den Klimawandel aus einer Commons-Perspektive einzusteigen ist genau die im vorigen Beitrag beschriebene Konfliktsituation zwischen der Marktlogik und den Notwendigkeiten zukunftsfähigen Wirtschaftens, die sich beim Klimawandel besonders zuspitzt, weil sich hier – im Gegensatz zu anderen Krisen – neue Profitmöglichkeiten bieten. Dieses Unbehagen habe ich hier schon einmal angesprochen. Die große Frage der Zukunft heißt: „Wie erreichen wir ein gutes Leben für alle mit den vorhandenen natürlichen Ressourcen?“ Das ist die originäre Frage, für die Commoners nach Lösungen suchen. Und heftige Konflikte waren oft der Ausgangspunkt für funktionierende Commons-Lösungen. Auch wenn es manchen Menschen nicht gefällt, diese Konflikte als Ausgangspunkt zu nehmen, weil das zu negativ sei. Nur, damit diese Lösungen erfolgreich sein können, müssen sie erstens regional angepasst sein und zweitens brauchen sie entsprechende politische und gesetzliche Rahmenbedingungen. Beides ist beim Klimathema nicht der Fall, letzteres zumindest derzeit nicht.

Ich weiß nicht, ob die Menschheit jemals eine Situation herstellen kann, in der alle BewohnerInnen unseres Planeten gemeinsam an einer Commonslösung für den Umgang mit natürlichen Ressourcen arbeiten können und ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist. In der derzeitigen Situation jedenfalls wäre es schon ein großer Fortschritt, wenn es auf konventionelle Weise zu bindenden globalen Abkommen käme.

Was wir bräuchten wären globale Vereinbarungen zwischen den Staaten in Bezug aufs Klima, die die Reichweite und die Durchsetzungsmöglichkeiten der Freihandelsverträge haben. Die werden heute nicht in der Praxis des Commoning entstehen und selbst keine Commons sein, aber sie könnten einen Rahmen schaffen, der Commoning möglich macht. Denn um Regeln zu finden, wie die Menschen in unterschiedlichen Regionen es machen, damit sie mit den ihnen zustehenden Ressourcen die bestmöglichen Ergebnisse für alle erreichen können, dafür wären die Prinzipien der Commons und die Praxis des Commoning prädestiniert und zu einer solchen Diskussion wüsste ich viel beizutragen. Das ist der vierte und vermutlich wichtigste Anknüpfungspunkt, der mir erst später eingefallen ist.

Dies vermutlich deshalb, weil solche Verträge heute nicht in Sicht sind. Im Gegenteil, die Freihandelsverträge, allen voran das gerade in Verhandlung befindliche TTIP, tun alles, um Sozial- und Umweltgesetzgebung zu erschweren, wenn nicht gar zu kriminalisieren und Handel und Wirtschaftswachstum als prioritäre Ziele zu stärken, denen alles andere, auch die Klimafrage, ebenso wie soziale Fragen, untergeordnet werden muss. Unter solchen Bedingungen können Commons nicht entstehen, zumindest nicht in dem Ausmaß, das notwendig wäre um einen relevanten Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten.

Natürlich, im lokalen Rahmen gibt es Transition-Initiativen, die den Anspruch haben, aus der fossilen Energie auszusteigen und damit unter anderem auch den Klimawandel zu begrenzen. Aber auch die betonen, dass ein solcher Ausstieg alle Gesellschaftsbereiche umfassen muss und der Klimawandel kein isoliertes Phänomen ist. Auch hier geht es also um eine Veränderung aller Lebensbereiche.

Bevor Commoning gegen den Klimawandel großflächig und in relevantem Ausmaß in die Praxis umgesetzt werden kann, braucht es eine Veränderung der Machtverhältnisse, eine Entmachtung der großen Konzerne und eine weitreichende Demokratisierung. Das sind die Dinge, für die wir als Erstes kämpfen müssen, ansonsten können wir auch gegen den Klimawandel nichts ausrichten. Und genau darum habe ich eben keine spezifische Aussage zum Klimawandel zu machen, sondern nur zum Systemwandel überhaupt, zur Rückeroberung der Macht, unser Leben zu gestalten, zu dem Paradigmenwechsel, den die Commonsperspektive erlaubt.

Eine Antwort

  1. Danke für diesen Text. Ja, so sehen wir es auch. In der Zukunftswerkstatt Jena beschäftigen wir uns ja immer wieder speziell mit dem Klimathema (Hier sammeln wir vieles davon: http://wiki.zw-jena.de/index.php?title=Klimawandel#Grunds.C3.A4tzliches) und wir kommen zum selben Ergebnis wie Du.

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