Arbeit als Commons?

Kurz vor Weihnachten hat mich über mehrere Personen eine Mail von Dario Azzellini erreicht, mit dem Hinweis auf einen von ihm verfassten Text mit dem Titel „Labour as a commons“. Dazu schrieb er, dass ja das Thema Arbeit in der Commons-Diskussion unterbelichtet sei, darum greife er das jetzt auf. Und er definiert auch gleich, was er mit „Arbeit“ meint: nicht Lohnarbeit, sondern jene Tätigkeiten, die zur Reproduktion des Lebens notwendig sind, inklusive der derzeit unbezahlten Tätigkeiten. In dem Text ging es um selbstverwaltete Betriebe in Lateinamerika und Griechenland, und er bezeichnet eben in diesem Zusammenhang die Arbeitskraft der Menschen als die gemeinsam genutzte Ressource. Während seine Arbeitsdefinition der Commons-Logik entspricht, sehe ich in der zweiten Aussage ein Kategorienproblem.

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Postfaktisch?

„Postfaktisch“ wurde in seiner englischen Entsprechung nicht nur zum Wort des Jahres gewählt. Es ist neben „Populismus“ oder mangelnder Kompetenz allgemein das Totschlagargument mit dem derzeit wieder einmal gegen alle argumentiert wird, die Kritik am Freihandelsdogma üben. Dabei sind die Argumente seiner Befürworter selbst längst im Bereich des „Postfaktischen“ angelangt. Schon deshalb, weil es ja lange schon nicht mehr um Freihandel geht, sondern um eine internationale Regulierung des Handels zugunsten großer Konzerne und auf Kosten fast aller anderen Bevölkerungsgruppen, der Umwelt und – weil diese Verträge bis zum Schluss außerhalb demokratischer Prozesse verhandelt werden, aber trotzdem nationale Gesetzgebung massiv beeinflussen – auch auf Kosten der Demokratie.

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Wessen Sicherheit?

„EU-Chefs wollen Vertrauen der Bürger zurückgewinnen, eine Sicherheitsunion schaffen und Grenzen sichern“ – so berichtete der Standard vom EU-Gipfel in Bratislava. Darum wolle man nun eine „Sicherheitsunion“ schaffen. Man fragt sich: haben sie es wirklich nicht verstanden oder wollen sie es nicht verstehen?

Wer Verträge abschließt, in deren Zentrum die Sicherheit der Investoren steht – die bekanntlich einen verschwindend kleinen Prozentsatz der EU-Bevölkerung ausmachen – der kann doch nicht wirklich glauben, dass man mit Mauern an der Grenze das Sicherheitsgefühl der Menschen stärken und ihr Vertrauen gewinnen kann!

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Demokratie II

Und das war mein Input beim Sommerlabor „Demokratie von unten“ der Grünen Akademie, Überschneidungen mit dem vorherigen Beitrag liegen in der Natur der Sache, aber es ist doch auch einiges neu:

Zur Beschreibung der Ist-Situation beginne mit drei Zitaten – die ersten beiden sind aus dem neuen Buch von Felix StalderKultur der Digitalität“, in dem es überraschenderweise auch sehr stark um Demokratie geht, oder eher um Postdemokratie, und Stalder bezieht sich dabei auf diejenigen, die diesen Begriff geprägt haben, nämlich Jacques Rancière und Colin Crouch:

Der Charakter der politischen Prozesse hat sich verändert: vom Streit darüber, wie man einer prinzipiell offenen Zukunft begegnen wolle, hin zur Verwaltung vordefinierter Notwendigkeiten und alternativloser Konstellationen.

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Demokratie I

In den letzten Jahren habe ich viele begeisterte und kompetente Menschen kennen gelernt und spannende, zukunftsfähige Ideen und konkrete Initiativen – gleichzeitig geht die politische Entwicklung in Österreich, der EU und global nicht nur unvermindert, sondern, so scheint zumindest mir, immer schneller in die flasche Richtung weiter. Daher bin ich mehr und mehr zu dem Schluss gekommen: ob wir diese Richtung ändern können, hängt davon ab, wie wir als Gesellschaften Entscheidungen treffen. Mit dieser Frage habe ich mich in den letzten Monaten vermehrt beschäftigt und bin mit anderen Menschen dabei, eine Projektwerkstatt dazu zu organisieren. Verbreitung und finanzielle Unterstützung erwünscht :)!

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Dieter Schrage: ein richtiges Leben im falschen

Diese Rezension erschien in der Sommer-Ausgabe der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation

Ich habe Dieter Schrage erst wenige Jahre vor seinem Tod kennen gelernt. Er strahlte gleichzeitig heitere Abgeklärtheit und jugendliche Begeisterung aus, und mir fiel auf, dass er mit einer Hochachtung behandelt wurde, die nicht zu seiner Erscheinung zu passen schien. Erst aus den vielen Nachrufen wurde mir klar, wie umtriebig er gewesen sein musste. Es ist ein großer Bogen, den Robert Sommer in seinem Buch über Dieter Schrage aufspannen muss, um alle Interessensgebiete und Tätigkeitsfelder Schrages abzudecken: da ist der Kurator eines staatlichen Museums, der mit Hausbesetzern sympathisiert, der Uniprofessor, der seine Studierenden zur »Feldforschung« zu den Donnerstagsdemos schickt, der Erforscher von Randgruppen, Sub- und Gegenkulturen, der sich mit seinen »Forschungsobjekten« nicht nur solidarisieren, sondern auf Grund seiner Herkunft als »Halbstarker« in Bochum auch identifizieren kann. Dieter Schrage lebte in vielen Welten und stand zu den meisten von ihnen gleichzeitig in Opposition. Er trat aus der SPÖ aus, um den Grünen beizutreten und sympathisierte zeitlebens mit der KPÖ. Seine Rolle als Brückenbauer und Bindeglied zwischen verschiedenen Subkulturen und der »Hochkultur« führte dazu, dass mindestens halb Wien ihn kannte. Dabei bewahrte er stets seine Autonomie und seine Sympathie für alles, was von unten, selbstorganisiert und hierarchiefrei war.

Das Buch entstand aus Schrages Nachlass, Gesprächen mit WegbegleiterInnen und unter Hinzuziehung passender historischer und zeitgenössischer Literatur. Es handelt sich nicht wirklich um eine Biografie, weil sie sich nicht an den Lebensdaten ihres Protagonisten orientiert. Gleichzeitig ist es viel mehr als eine Biografie, es ist eine Reise durch die österreichische Zeitgeschichte seit den 70er Jahren, die sowohl die Wiener Aktionskunst-Szene, die Sub- und Gegenkulturen und auch die Geschichte österreichischer Parteien umfasst. Und nicht zuletzt lässt sich dieses Buch als Anleitung zu einem autonomen Leben lesen, zu einem Leben in Einklang mit dem politischen Kampf ohne Verbissenheit, sondern mit Humor. Den Abschluss bildet ein Text des Protagonisten über die Wiener Jugendkultur seit 1945. Der »unterirdische Strom der Anarchie« ist in der Person Dieter Schrage auf vielfache Weise zu Tage getreten und verband Klassen, Kulturen und Altersgruppen.

Robert Sommer: Poesie und Disziplin. Dieter Schrage und der unterirdische Strom der Anarchie. Mandelbaum Verlag 2016. ISBN 978-3-85476-649-0

Wie man die Allmende buchstabiert

Gastbeitrag von Natalie Deewan

im zuge des viertelfestival-projekts „gemischter satz“ wurde heute ein altes, landauf stadtab völlig unbekanntes wort über einem gemeinschaftsgarten in pixendorf (NÖ, tullnerfeld), an die wand buchstabiert:

allmende 1

die einzelnen buchstaben stammen von aufgelassenen geschäften aus dem mittleren mostviertel (sieghartskirchen, atzenbrugg, scheibbs und böheimkirchen), die wir gesammelt haben („letternschatz heben“) und nun an einem ort, eben in pixendorf neu zusammensetzen („letternschatz setzen“). eine von ca. 20 stationen (zwischen kundenwunder und kundencenter …) ist die „ALLmENDe“.

Allmende_web

der gemeinschaftsgarten, auch „steign“ genannt, der sich in der mitte des dorfes befindet, ist als letzter „gemeinschaftsort“ noch der passendste kontext für diesen begriff. teilweise werden einzelne beete von bauern, die sie aktuell nicht nutzen, an interessierte gärtnerinnen informell weitergegeben, im allgemeinen gehören aber die parzellen an diesem stück land nicht der gemeinde, sondern ca. 12 (bauern)familien. eine echte allmende, wie es sie in form eines gemeinschaftlich genutzten weidelands auch gab, existiert natürlich schon lange nicht mehr.

die „ALLmENDe“ in pixendorf soll ein vergessenes wort und eine vergessene praxis, gerade an einem goldgräberort wie pixendorf, wieder ins gespräch bringen – quasi von der wand in den mund … an diesem ort wird auch die schlussrede der eröffnung am 26. juni stattfinden.

Mehr Informationen:
Gemischter Satz
Eine Mostviertler Landschriftspurensuche
von Natalie Deewan, Fabian Faltin und Heinrich Steinböck
Eröffnung am 26.6.2016, 15h im Kulturschuppen in Pixendorf (NÖ, Tullnerfeld)

In der Realität angekommen

„Das ist das Ende der zweiten Republik“, tönt es durch die Medien. Manche fügen relativierend hinzu „… so wie wir sie kennen“. Seit gestern ist alles anders und nichts wird mehr so sein wie davor. Auch wenn man es weniger pathetisch mag, was sich in den letzten Jahren schon angedeutet hat, in den letzten Monaten immer deutlicher wurde, muss nun jedem klar sein: Österreich ist nicht mehr Sissi, Mozart und Naturidyll, es ist nicht mehr die Insel der Seligen, Österreich ist in der Realität angekommen.

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Unsere Werte? Nein, danke!

Ich muss jetzt einmal Dampf ablassen, diese Wertediskussion geht mir so auf den Hammer!

Von links bis rechts sind sich plötzlich alle einig, dass die Flüchtlinge, die jetzt kommen, sich integrieren und an „unsere Werte“ anpassen müssten. Ich frag mich die ganze Zeit, was bitte sind das für Werte und wer ist das „wir“?? Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Werte gibt, die ich mit allen ÖsterreicherInnen, Deutschen oder EuropäerInnen teile. Ich glaube, dass ich mehr Werte mit der afghanischen Familie teile, die ihr Land verlassen hat, weil sie möchte, dass ihre Tochter frei aufwachsen kann oder der syrischen Akademikerfamilie aus Aleppo, die keineswegs freiwillig ihre Heimatstadt verlassen hat und hier dringend so schnell wie möglich wieder ein normales Leben leben möchte (konkrete Menschen, keine fiktiven Beispiele), als mit vielen ÖsterreicherInnen und nicht einmal nur den ganz Rechten.

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Die Instrumentalisierung der Mütter

Heute früh gab es eine Radiosendung, in der – wieder einmal – die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher behandelt und die Rolle betont wurde, die die Mütter dabei spielen, dass solche Radikalisierungsprozesse frühzeitig erkannt oder gar verhindert werden können. Die Absicht war gut, es ging insgesamt darum, ein positives islamisches Frauenbild zu zeichnen und dazu musste auch das Argument herhalten, dass Mütter bei muslimischen Männern viel Ansehen genießen. Unabhängig davon ob das stimmt oder nicht – das wird wohl, wie auch bei uns, von Familie zu Familie unterschiedlich sein – bezweifle ich, dass man der Sache der Frauen damit etwas Gutes tut. Diese Idealisierung der Mütter, dann wenn es für die Gesellschaft nützlich ist, hat eine alte Tradition und die wird nicht besser, wenn – um etwas abgewandelt Marianne Gronemeyer zu zitieren – „die Frauen dabei auch noch mitmachen“.*

Drei Dinge sind es, die mir Unbehagen bereiten. Der erste ist einfach erklärt und kann kurz abgehandelt werden:

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