Nachbarschaftshilfe als Sklaverei!?

Nachbarschaftshilfe nennt die Caritas Vorarlberg ein Projekt, das Asylsuchenden stundenweise Arbeit und Zuverdienst ermöglicht. Asylwerberinnen und -werber verrichten für Private Hilfsarbeiten in Haus und Garten, bezahlt wird über Spenden an die Caritas. Die Caritas wiederum bezahlt für die Arbeiten vier Euro pro Stunde. Das Projekt bewährt sich seit 23 Jahren. Nun muss die Nachbarschaftshilfe eingestellt werden. Es sei illegal, befinden Sozialministerium und Finanzpolizei, die Behörden sehen Übertretungen nach Ausländerbeschäftigungs- und Grundversorgungsgesetz.

So konnte man es kürzlich im Standard lesen. Und der Sprecher des Sozialministeriums weiter: Man müsse sich vorstellen, da müssen Menschen ohne Arbeitsbewilligung für geringes Entgelt arbeiten, „da müsste man von Sklaverei sprechen“! Wobei der Tatbestand „Sklaverei“ wohl nicht durch das Nicht-Vorhandensein einer Arbeitsbewilligung hergestellt wird, sondern eher durch die zu geringe Bezahlung, nehme ich mal an.

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Mit der Care Revolution zum guten Leben

Diese Rezension ist in der Juni-Ausgabe der CONTRASTE erschienen.

Die Aktionskonferenz Care Revolution im März 2014 in Berlin stellte eine Art Wendepunkt in der Care-Diskussion dar: Die Argumentation bewegte sich aus der häufig anzutreffenden Defensiv- und Opferposition hin zu einem selbstbewussten Verständnis von Care als Grundlage für jede Form des Wirtschaftens und Ausgangspunkt für eine neue Gesellschaftsordnung. Diese Entwicklung zeichnet auch das Buch von Gabriele Winker nach.

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Rifkins „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“

Nachdem ich in den letzten Wochen immer wieder auf dieses Buch angesprochen wurde und hörte, dass jemand der sich mit Commons beschäftigt, es gelesen haben müsste, habe ich es nun also getan. Und das Buch hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

Jeremy Rifkin reiht sich mit seinem Buch in die Reihe derer ein, die ein Ende des Kapitalismus voraussagen. Fast alle, die sich derzeit Gedanken über gesellschaftliche Transformation machen, über Zukunftsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, Energiewende usw. meinen, das Wachstum könne nicht weitergehen wie bisher und wir würden ein grundsätzlich neues Paradigma brauchen. Nicht so Jeremy Rifkin. Er sieht gerade in weiter zunehmender Rationalisierung und dem anhaltenden exponentiellen Wachstum der neuen Technologien den Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus. Im Zentrum von Rifkins Vision einer zukünftigen Gesellschaft stehen zwei Elemente: Neue Technologien und die „kollaborativen Commons“. Von ersteren handelt der weitaus größere Teil des Buches. Erneuerbare Energien und dezentrale Produktionsanlagen, die von Computern über Internet gesteuert werden, sollen einerseits dazu führen, dass die Grenzkosten nahezu aller Produkte und Dienstleistungen gegen Null gehen und andererseits auch ermöglichen, den Ressourcenverbrauch so effizient zu gestalten, dass anscheinend auch diese Probleme in Zukunft irrelevant werden.

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Parecon versus Peer-Produktion Teil 4

Christian Siefkes und Michael Albert diskutieren online über Peer Produktion und Participatory Economy, kurz Parecon, ihre Konzepte für die Produktionsweise von morgen. Für die Contraste habe ich die Diskussion übersetzt und gekürzt. Der vierte Teil erschien in Heft 348 vom September 2013. Die ganze Diskussion auf Englisch ist hier nachzulesen. Dank an Christian für die Überarbeitung der Übersetzung!

Hier finden sich Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Peercommony ist kein Gratis-Supermarkt

Michael Alberts Zweifel an Peercommony

Christian Siefkes‘ Darstellung der Peercommony hat viele Ähnlichkeiten mit meinen eigenen Vorstellungen und Wünschen, aber es gibt auch etliche Gegensätze. Ich denke, dass seine Vorschläge manche Aspekte der Wirtschaft ausblenden. Er benennt zwei Bedingungen für Peercommony: erstens, menschliche Arbeit verschwindet durch Automatisierung aus dem Produktionsprozess und zweitens, alle haben Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln.

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Commons – neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung

Das Buch zur 9. Armutskonferenz ist da: Was allen gehört. Commons – neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung. Ich muss sagen, es ist wirklich gut geworden, interessante Beiträge und viele wichtige Themen. Darunter auch ein Beitrag von Silke Helfrich und einer von mir.

Und – besonders lobenswert 🙂 – das Buch ist unter einer CC BY-NC-SA 3.0 Lizenz erschienen und auch als pdf zum Download verfügbar.

Hier mein Beitrag im Buch:

Commons: zukunftsfähig Wirtschaften jenseits von Markt und Staat

Geht es bei den Diskussionen um Armut und Armutsbekämpfung meist um Umverteilung des materiellen Reichtums oder die Schaffung von Arbeitsplätzen, so stellt sich Armut aus der Perspektive der Commons viel eher als Armut an Beteiligungschancen, Zugangsrechten und Entfaltungsmöglichkeiten dar. Es geht darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben gemeinsam mit anderen selbst in die Hand zu nehmen.

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Der Open Source Boom

Während die „big player“ noch mit allen Mitteln versuchen, die Wettbewerbsvorteile, die aus Patenten und geistigen Eigentumsrechten entstehen, zu verteidigen und eine Demokratisierung der Produktion zu verhindern, ist das Auftauchen unterschiedlichster Open Source Projekte nicht mehr zu verhindern. Was ich gerade besonders spannend finde, sind die vielen neuen Ideen im Open Source Hardware und Open Design Bereich.

Die Open Source Hardware Association definiert Open Source Hardware folgendermaßen:

Open source hardware is hardware whose design is made publicly available so that anyone can study, modify, distribute, make, and sell the design or hardware based on that design. The hardware’s source, the design from which it is made, is available in the preferred format for making modifications to it. Ideally, open source hardware uses readily-available components and materials, standard processes, open infrastructure, unrestricted content, and open-source design tools to maximize the ability of individuals to make and use hardware. Open source hardware gives people the freedom to control their technology while sharing knowledge and encouraging commerce through the open exchange of designs.

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Parecon versus Peer-Produktion Teil 2

Christian Siefkes und Michael Albert diskutieren online über Peer Produktion und Participatory Economy, kurz Parecon, ihre Konzepte für die Produktionsweise von morgen. Für die Contraste habe ich die Diskussion übersetzt und gekürzt. Der zweite Teil erschien in Heft 344 vom Mai/Juni 2013. Die ganze Diskussion auf Englisch ist hier nachzulesen. Dank an Christian für die Überarbeitung der Übersetzung!

Hier finden sich Teil 1, Teil 3 und Teil 4.

Michael Albert: Die Peer-Produktion zweifelt an Parecon?

Du bist irritiert, Christian, dass sich in Parecon alles um bezahlte Arbeit dreht, und fragst, warum „alle gezwungen werden, für Geld zu arbeiten, um die Dinge zu kaufen, die sie zum Leben brauchen“. Stimmen wir darüber überein, dass es so etwas wie gerechte und ungerechte Verteilung in dem Sinne gibt, dass eine Person zu viel oder zu wenig des Sozialproduktes im Verhältnis zu ihrer Leistung bekommt, und dass in einer gute Ökonomie Arbeit und Freizeit auf alle gleich verteilt werden sollten?

Um Gerechtigkeit herzustellen und Informationen über die Bedürfnisse der Menschen zu bekommen, schlägt Parecon vor, dass die Dauer, Intensität und Beschwerlichkeit ihrer sozial wertvollen Arbeit den Anteil am Sozialprodukt einer Person bestimmen und zwar durch partizipatorische Planung und selbstorganisierte Entscheidungen von Arbeiter- und Konsumentenräten. Du meinst deshalb, ich würde denken, „alle sind ein wenig zu faul und ein wenig zu gierig für eine Gesellschaft ohne Zwang“. Aber ich habe bereits gesagt, dass dem nicht so ist, sondern dass die Menschen einfach nicht wissen können, was verantwortungsvoll und moralisch ist. Du nennst es Zwang, ich nenne es Herstellung von Gerechtigkeit. Parecon sagt den Konsumenten, wieviel Arbeit für das, was sie haben wollen, notwendig ist. Es „zwingt“ nur Menschen, die mehr haben wollen, als ihnen für ihre Anstrengung zusteht.

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Ottensheim, das Otelo und das Hochwasser

Am 13. Mai war ich in Ottensheim, einer Marktgemeinde an der Donau etwa 10km westlich von Linz. Dort ist einer der fünf österreichischen Otelo-Standorte. Otelo steht für „Offenes Technologie-Labor“ und genau darum geht es. Wobei Technologie sehr breit gefasst ist. Es geht darum andere Formen des Arbeitens und Zusammenlebens, der gesellschaftlichen Mitgestaltung und nachhaltiger Produktion und Daseinsvorsorge zu erproben. Aus der Beschäftigung mit Frithjof Bergmanns Konzept „Neuer Arbeit-Neue Kultur“ unter der aufgeschlossenen damaligen Ottensheimer Bürgermeisterin Ulrike Böker* und dem Engagement von Martin Hollinetz aus Vorchdorf wurde ein Modell entwickelt, wie diese Idee der offenen Werkstätten und der Bürgerbeteiligung an den ländlichen Raum angepasst werden kann.

Das Besondere am Otelo-Konzept ist die breite Kooperation. Die Räume werden von der Gemeinde zur Verfügung gestellt, mit Unterstützung durch lokale Unternehmer renoviert und können von den BürgerInnen kostenlos genutzt werden. Im Otelo in Ottensheim gibt es einen Raum mit 3D-Drucker, einen Umsonstladen, eine Fahrradwerkstatt, das freie Radio ist dort untergebracht und es gibt eine Küche, in der regelmäßig gekocht wird und Veranstaltungsräume. Dort gibt es Kurse zu Lehmbau und Seifenherstellung ebenso wie fürs Radio machen. Einmal in der Woche gibt es das „offene Wohnzimmer“, wo gemeinsam gekocht, gegessen und anschließend gespielt wird. Regelmäßig finden auch Dialogrunden statt, wo die EinwohnerInnen von Ottensheim sich darüber austauschen können, wie sie sich die Zukunft in ihrer Gemeinde vorstellen.

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Die Zeitreise

Hier nun der dritte Teil des Berichtes vom BUKO Seminar mit dem Titel „Lokal, glokal, utopistisch – Wirtschaft für die Welt von morgen“. (Hier Teil 1 und Teil 2 des Berichtes).

Die letzte Aufgabe des Seminars war, uns in eine selbst definierte zukünftige Epoche zu versetzen, in eine Zeit, die dem von uns angestrebten „Guten Leben“ schon näher gekommen ist. Aus der Beschreibung dieser Gesellschaftsform sollten wir dann – sozusagen im Rückblick – erzählen, wie der Transformationsprozess abgelaufen war, was ausschlaggebende Anlässe, Erfahrungen, sozusagen Meilensteine dafür waren, dass der Kapitalismus überwunden wurde.

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Gegen Angst und Alternativenlosigkeit – und strukturelle Gewalt

Weil Banken gerettet werden müssen (too big to fail) muss anderswo gespart werden. Und gespart wird bei denen, die sich am wenigsten wehren können, die keine Lobby haben. Das mussten in den letzten Jahren unter anderen auch jene erfahren, die im Sozial-, Bildungs- oder Gesundheitsbereich arbeiten und besonders auch KünstlerInnen, für die es oft besonders schwer ist, sich gegen die daraus entstehenden Zumutungen zu wehren.

Es scheint, dass die Schmerzgrenze langsam doch erreicht ist. In Wien trafen sich vergangenen Mittwoch beim Sozialgipfel reloaded Menschen aus dem Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich um über Strategien und Aktionsformen gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu diskutieren. In Graz ist das Bündnis noch breiter. In der Plattform25 sind nicht nur Organisationen aus dem Sozialbereich, sondern auch Künstlerinnen und Künstler dabei, die ebenfalls unter der Austeritätspolitik leiden. Nächstes Wochenende, vom 30. März bis 1. April findet im Forum Stadtpark das PlattforUm_25 statt, eine Konferenz, die dem Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Gruppen und mit AktivistInnen aus anderen Ländern dienen soll und ebenfalls nach Strategien des Widerstandes sucht.

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