Postfaktisch?

„Postfaktisch“ wurde in seiner englischen Entsprechung nicht nur zum Wort des Jahres gewählt. Es ist neben „Populismus“ oder mangelnder Kompetenz allgemein das Totschlagargument mit dem derzeit wieder einmal gegen alle argumentiert wird, die Kritik am Freihandelsdogma üben. Dabei sind die Argumente seiner Befürworter selbst längst im Bereich des „Postfaktischen“ angelangt. Schon deshalb, weil es ja lange schon nicht mehr um Freihandel geht, sondern um eine internationale Regulierung des Handels zugunsten großer Konzerne und auf Kosten fast aller anderen Bevölkerungsgruppen, der Umwelt und – weil diese Verträge bis zum Schluss außerhalb demokratischer Prozesse verhandelt werden, aber trotzdem nationale Gesetzgebung massiv beeinflussen – auch auf Kosten der Demokratie.

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Kohle

In letzter Zeit war ich mit verschiedenen Fragen konfrontiert, die mich etwas ratlos gemacht haben. Was kann die Commonsdiskussion zur Diskussion um den Klimawandel beitragen? Was soll ich zum Thema Degrowth sagen? Es fielen mir keine wirklich zündenden Argumente ein. Die Diskussionen und Gespräche bei der Sommerakademie von Attac Deutschland und am Klimacamp im Rheinland haben für mich selbst einige Klarheit gebracht. Die Gedanken, die ich hier und in den nächsten Beiträgen aufschreibe, sind vielleicht noch ein wenig chaotisch, aber ich hoffe, ihr tragt dazu bei, die Dinge noch klarer zu kriegen 🙂 und zum Schluss sollte es doch ein paar anwendbare Ergebnisse geben.

Zum ersten Mal gab es dieses Jahr eine Degrowth-Sommerschule. Um eine Verbindung mit konkreten Bewegungen zu schaffen wurde sie mit dem Klimacamp zusammengelegt und fand im deutschen Braunkohlerevier statt. Das sagte mir erst mal nicht viel, in Österreich ist das kein Thema. Nachdem klar war, dass ich mit Andrea Vetter gemeinsam einen Kurs bei der Sommerschule anbieten würde und auch einen Workshop am Klimacamp habe ich natürlich ein wenig recherchiert: Braunkohletagebau, verwüstet weite Landstriche, Umsiedlung der Bevölkerung, Zerstörung alter Wälder (zB im Hambacher Forst), gesundheitsschädliche und CO2-speiende Kohlekraftwerke. So richtig anschaulich wurde es für mich erst aber kurz vor der Anreise.

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Die Ursprünge der Herrschaft von Menschen über Menschen

Diese Rezension ist in der Sommer-Ausgabe der CONTRASTE erschienen.

Fabian Scheidler geht in seinem Buch der Frage nach, warum unsere Gesellschaften nicht in der Lage sind, trotz ausreichender Informationen und durchaus gutem Willen, Auswege aus der herrschenden systemischen Krise zu finden. Die Frage nach der Entstehung der Machtstrukturen, die uns daran hindern, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Scheidler beginnt seine Suche nach den »Ursprüngen der Herrschaft von Menschen über andere Menschen«, ausgehend von Wallersteins Weltsystemtheorie und inspiriert von poststrukturalistischen, feministischen und postkolonialen Theorien, vor mehr als 5000 Jahren. Er definiert vier Tyranneien, die schließlich jene »Megamaschine« hervorgebracht haben, die zu verlassen uns nahezu unmöglich erscheint: die physische Gewalt, die strukturelle Gewalt, die ideologische Macht und schließlich die Tyrannei des linearen Denkens und der Naturbeherrschung.

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Mit der Care Revolution zum guten Leben

Diese Rezension ist in der Juni-Ausgabe der CONTRASTE erschienen.

Die Aktionskonferenz Care Revolution im März 2014 in Berlin stellte eine Art Wendepunkt in der Care-Diskussion dar: Die Argumentation bewegte sich aus der häufig anzutreffenden Defensiv- und Opferposition hin zu einem selbstbewussten Verständnis von Care als Grundlage für jede Form des Wirtschaftens und Ausgangspunkt für eine neue Gesellschaftsordnung. Diese Entwicklung zeichnet auch das Buch von Gabriele Winker nach.

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Gefährliche Rettung

Dieser Text ist in der Sommerausgabe der CONTRASTE erschienen.

Beim ersten österreichischen Transition Forum erregte ein Teilnehmer mit der Aussage Aufsehen, die Sache mit dem Klimawandel und dass wir den CO2 Ausstoß reduzieren müssten, sei ein riesengroßer Fake, der nur dazu diene, dass einige wenige damit viel Geld verdienen könnten. Den ersten Teil der Aussage teile ich nicht. Das wäre zynisch gegenüber jenen Menschen, meist im globalen Süden, die schon massiv unter dem Klimawandel leiden. Es würde auch all jenen WissenschaftlerInnen, die seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel warnen, unterstellen, im Dienste des Kapitals zu stehen. Der zweite Teil der Aussage, der Fokus auf Erderwärmung, Reduzierung des CO2-Ausstoßes und Energiewende diene in erster Linie dazu, dem Kapital neue Akkumulationsmöglichkeiten zu verschaffen, trifft jedoch ein Unbehagen, dass ich selbst seit geraumer Zeit verspüre.

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Rifkins „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“

Nachdem ich in den letzten Wochen immer wieder auf dieses Buch angesprochen wurde und hörte, dass jemand der sich mit Commons beschäftigt, es gelesen haben müsste, habe ich es nun also getan. Und das Buch hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

Jeremy Rifkin reiht sich mit seinem Buch in die Reihe derer ein, die ein Ende des Kapitalismus voraussagen. Fast alle, die sich derzeit Gedanken über gesellschaftliche Transformation machen, über Zukunftsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, Energiewende usw. meinen, das Wachstum könne nicht weitergehen wie bisher und wir würden ein grundsätzlich neues Paradigma brauchen. Nicht so Jeremy Rifkin. Er sieht gerade in weiter zunehmender Rationalisierung und dem anhaltenden exponentiellen Wachstum der neuen Technologien den Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus. Im Zentrum von Rifkins Vision einer zukünftigen Gesellschaft stehen zwei Elemente: Neue Technologien und die „kollaborativen Commons“. Von ersteren handelt der weitaus größere Teil des Buches. Erneuerbare Energien und dezentrale Produktionsanlagen, die von Computern über Internet gesteuert werden, sollen einerseits dazu führen, dass die Grenzkosten nahezu aller Produkte und Dienstleistungen gegen Null gehen und andererseits auch ermöglichen, den Ressourcenverbrauch so effizient zu gestalten, dass anscheinend auch diese Probleme in Zukunft irrelevant werden.

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Achtung, Gefahr!

Gestern hab ich im Bus die Mittagsnachrichten von Radio Steiermark gehört. Es ging um die Streiks bei Fluglinien und Eisenbahn in Deutschland. Und dann verkündete ein Reporter mit Grabesstimme, es drohe hier eine große Gefahr von sich radikalisierenden kleinen Gewerkschaften in Deutschland und dass daher jetzt versucht werde, mit gesetzlichen Mitteln zu verhindern, dass kleine Gewerkschaften so viel Macht erlangen können.

Der Mann hat vermutlich die Presseaussendungen der Konzerne oder der Regierung verlesen. Gedanken darüber, für wen diese Situation bedrohlich ist und woher die wirkliche Gefahr droht, dürfte er sich kaum gemacht haben. Oder empfindet er es wirklich als Bedrohung, wenn ArbeitnehmerInnen streiken? Als Bedrohung des sozialen Friedens, der doch schon viel mehr eine Grabesstille ist? Als Bedrohung seiner Illusion von Sicherheit? Oder ist er wirklich so gut gehirngewaschen? Denn als Journalist dürfte er doch eher zu der Gruppe von Menschen gehören, die großes Interesse daran haben müssten, wenn Gewerkschaften sich endlich wieder ihrer Macht besinnen.

Gerade, dass sie das so lange nicht getan haben, dass linke Parteien und Gewerkschaften in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht sind, ist ja der Grund für die ungleichen Machtverhältnisse, die heute herrschen. Die Ursache für viele Dinge, die vermutlich auch der Reporter nicht gut findet: Privatisierung öffentlicher Infrastruktur, Kürzung öffentlicher Ausgaben, stagnierende Löhne, zunehmende soziale Ungleichheit. Daher droht die wirkliche Gefahr. Und der Versuch, Arbeiterrechte mit gesetzlichen Maßnahmen zu beschneiden, sollte erst recht alle Alarmglocken läuten lassen. Klar sind die Streiks lästig und bringen Unannehmlichkeiten mit sich, aber gefährlich sind sie nur für die 1%.

Ich erwarte ja nicht, dass Radio Steiermark linksradikales Gedankengut verbreitet ;), aber ein wenig weiter denken, als nur Presseaussendungen wiederzugeben, könnte man vom öffentlich rechtlichen Rundfunk schon verlangen!

Die konviviale Gesellschaft Ivan Illichs

Für die Vorbereitung einer Veranstaltungsreihe bei der Degrowth-Konferenz in Leipzig habe ich in den letzten Wochen mehrere Bücher von Ivan Illich (wieder-)gelesen. Sicher, manche von seinen Ideen haben sich durch die Entwicklungen seit den 70er Jahren, wo die meisten seiner Bücher erschienen sind, einfach überholt. Sein Optimismus, dass sich die Menschen diese Behandlung nicht mehr lange gefallen lassen würden, daher eine Transformation zu einer postkapitalistischen Gesellschaft kurz bevor stünde, hat sich nicht bewahrheitet. Er hatte die Fähigkeit des Kapitalismus unterschätzt, einerseits kritische Diskurse und Praktiken zu seinem Vorteil zu integrieren, und andererseits eine ausreichend große Anzahl von Menschen davon zu überzeugen, dass es keine bessere Alternative gibt, sodass sich das kapitalistische System immer wieder reproduzieren und immer weiter ausbreiten kann.

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Parecon versus Peer-Produktion Teil 4

Christian Siefkes und Michael Albert diskutieren online über Peer Produktion und Participatory Economy, kurz Parecon, ihre Konzepte für die Produktionsweise von morgen. Für die Contraste habe ich die Diskussion übersetzt und gekürzt. Der vierte Teil erschien in Heft 348 vom September 2013. Die ganze Diskussion auf Englisch ist hier nachzulesen. Dank an Christian für die Überarbeitung der Übersetzung!

Hier finden sich Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Peercommony ist kein Gratis-Supermarkt

Michael Alberts Zweifel an Peercommony

Christian Siefkes‘ Darstellung der Peercommony hat viele Ähnlichkeiten mit meinen eigenen Vorstellungen und Wünschen, aber es gibt auch etliche Gegensätze. Ich denke, dass seine Vorschläge manche Aspekte der Wirtschaft ausblenden. Er benennt zwei Bedingungen für Peercommony: erstens, menschliche Arbeit verschwindet durch Automatisierung aus dem Produktionsprozess und zweitens, alle haben Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln.

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Parecon versus Peer-Produktion Teil 2

Christian Siefkes und Michael Albert diskutieren online über Peer Produktion und Participatory Economy, kurz Parecon, ihre Konzepte für die Produktionsweise von morgen. Für die Contraste habe ich die Diskussion übersetzt und gekürzt. Der zweite Teil erschien in Heft 344 vom Mai/Juni 2013. Die ganze Diskussion auf Englisch ist hier nachzulesen. Dank an Christian für die Überarbeitung der Übersetzung!

Hier finden sich Teil 1, Teil 3 und Teil 4.

Michael Albert: Die Peer-Produktion zweifelt an Parecon?

Du bist irritiert, Christian, dass sich in Parecon alles um bezahlte Arbeit dreht, und fragst, warum „alle gezwungen werden, für Geld zu arbeiten, um die Dinge zu kaufen, die sie zum Leben brauchen“. Stimmen wir darüber überein, dass es so etwas wie gerechte und ungerechte Verteilung in dem Sinne gibt, dass eine Person zu viel oder zu wenig des Sozialproduktes im Verhältnis zu ihrer Leistung bekommt, und dass in einer gute Ökonomie Arbeit und Freizeit auf alle gleich verteilt werden sollten?

Um Gerechtigkeit herzustellen und Informationen über die Bedürfnisse der Menschen zu bekommen, schlägt Parecon vor, dass die Dauer, Intensität und Beschwerlichkeit ihrer sozial wertvollen Arbeit den Anteil am Sozialprodukt einer Person bestimmen und zwar durch partizipatorische Planung und selbstorganisierte Entscheidungen von Arbeiter- und Konsumentenräten. Du meinst deshalb, ich würde denken, „alle sind ein wenig zu faul und ein wenig zu gierig für eine Gesellschaft ohne Zwang“. Aber ich habe bereits gesagt, dass dem nicht so ist, sondern dass die Menschen einfach nicht wissen können, was verantwortungsvoll und moralisch ist. Du nennst es Zwang, ich nenne es Herstellung von Gerechtigkeit. Parecon sagt den Konsumenten, wieviel Arbeit für das, was sie haben wollen, notwendig ist. Es „zwingt“ nur Menschen, die mehr haben wollen, als ihnen für ihre Anstrengung zusteht.

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