Nachbarschaftshilfe als Sklaverei!?

Nachbarschaftshilfe nennt die Caritas Vorarlberg ein Projekt, das Asylsuchenden stundenweise Arbeit und Zuverdienst ermöglicht. Asylwerberinnen und -werber verrichten für Private Hilfsarbeiten in Haus und Garten, bezahlt wird über Spenden an die Caritas. Die Caritas wiederum bezahlt für die Arbeiten vier Euro pro Stunde. Das Projekt bewährt sich seit 23 Jahren. Nun muss die Nachbarschaftshilfe eingestellt werden. Es sei illegal, befinden Sozialministerium und Finanzpolizei, die Behörden sehen Übertretungen nach Ausländerbeschäftigungs- und Grundversorgungsgesetz.

So konnte man es kürzlich im Standard lesen. Und der Sprecher des Sozialministeriums weiter: Man müsse sich vorstellen, da müssen Menschen ohne Arbeitsbewilligung für geringes Entgelt arbeiten, „da müsste man von Sklaverei sprechen“! Wobei der Tatbestand „Sklaverei“ wohl nicht durch das Nicht-Vorhandensein einer Arbeitsbewilligung hergestellt wird, sondern eher durch die zu geringe Bezahlung, nehme ich mal an.

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Parecon versus Peer-Produktion Teil 4

Christian Siefkes und Michael Albert diskutieren online über Peer Produktion und Participatory Economy, kurz Parecon, ihre Konzepte für die Produktionsweise von morgen. Für die Contraste habe ich die Diskussion übersetzt und gekürzt. Der vierte Teil erschien in Heft 348 vom September 2013. Die ganze Diskussion auf Englisch ist hier nachzulesen. Dank an Christian für die Überarbeitung der Übersetzung!

Hier finden sich Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Peercommony ist kein Gratis-Supermarkt

Michael Alberts Zweifel an Peercommony

Christian Siefkes‘ Darstellung der Peercommony hat viele Ähnlichkeiten mit meinen eigenen Vorstellungen und Wünschen, aber es gibt auch etliche Gegensätze. Ich denke, dass seine Vorschläge manche Aspekte der Wirtschaft ausblenden. Er benennt zwei Bedingungen für Peercommony: erstens, menschliche Arbeit verschwindet durch Automatisierung aus dem Produktionsprozess und zweitens, alle haben Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln.

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Commons – neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung

Das Buch zur 9. Armutskonferenz ist da: Was allen gehört. Commons – neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung. Ich muss sagen, es ist wirklich gut geworden, interessante Beiträge und viele wichtige Themen. Darunter auch ein Beitrag von Silke Helfrich und einer von mir.

Und – besonders lobenswert 🙂 – das Buch ist unter einer CC BY-NC-SA 3.0 Lizenz erschienen und auch als pdf zum Download verfügbar.

Hier mein Beitrag im Buch:

Commons: zukunftsfähig Wirtschaften jenseits von Markt und Staat

Geht es bei den Diskussionen um Armut und Armutsbekämpfung meist um Umverteilung des materiellen Reichtums oder die Schaffung von Arbeitsplätzen, so stellt sich Armut aus der Perspektive der Commons viel eher als Armut an Beteiligungschancen, Zugangsrechten und Entfaltungsmöglichkeiten dar. Es geht darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben gemeinsam mit anderen selbst in die Hand zu nehmen.

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Aufbewahrungseinrichtungen

„Es gibt kein Gesetz, das alten Frauen verbietet auf Bäume zu klettern“. Das hat Astrid Lindgren gesagt. Von Mira Lobe ist das Kinderbuch „Die Omama im Apfelbaum„, das dieses Motiv ebenfalls aufnimmt. Beide haben sich in ihren Büchern dafür eingesetzt, dass Menschen, egal welchen Alters, lebendig sein dürfen, ihre Utopien leben und ihre Fähigkeiten entfalten dürfen. Unsere Gesellschaft tendiert eher dazu, all jene, die die Anforderungen an Rationalität, Leistungsfähigkeit und Produktivität nicht erfüllen, wegzusperren und ruhig zu halten, nur ja keine Lebendigkeit zuzulassen, weil diese sich nicht in standardisierte Abläufe zwängen lässt und als bedrohlich angesehen wird. Je nach finanzieller Ausstattung der Betroffenen können das auch manchmal goldene Käfige sein. Das Ziel ist jedoch immer, sie fern zu halten von der Partizipation an der Gesellschaft und mit Beschäftigungen zu versorgen, die für sie als angemessen gelten. Das gilt für Kinder und Jugendliche, aber ganz besonders auch für alte Menschen und für solche, die aus anderen Gründen zeitweise aus dem Marktsystem herausfallen.

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Überlebt?

Der Weltuntergang ist nicht eingetreten und die Krise haben wir auch mit Bravour überstanden, so könnte mensch zumindest glauben, wenn es nach der Bilanz der Banken und Börsen geht. Noch mal Glück gehabt, oder?

Der Kollaps ist jetzt!

Der Untergang der Menschheit, – denn die Welt wird nicht gleich untergehen, wenn die Menschheit sich vom Erdboden verabschiedet, eher vielleicht sogar im Gegenteil 😉 – so glaube ich, vollzieht sich jedoch nicht als biblische Katastrophe, der Kollaps geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, mit einem klaren Davor und Danach. Der Kollaps ist möglicherweise gerade im Gange, trotz – oder gerade wegen – der dazwischen immer wieder aufflackernden Erfolgsmeldungen. Der Kollaps manifestiert sich gerade darin, dass all diese Erfolge widersprüchlich sind und an anderen Stellen im System zerstörerische Auswirkungen hervorrufen, dass sich das System mit seiner eigenen Logik nicht mehr aus dem Sumpf ziehen kann, Münchhausiaden funktionieren nicht mehr!

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Omnibus und Niemandsland

Am 10. November habe ich den Eröffnungsvortrag bei der Regionalkonferenz von Attac NRW gehalten. Es ging um eine Analyse der aktuellen Krisensituation und die Ansatzpunkte für Alternativen. Ich habe natürlich bei einer Attac-Regionalkonferenz nicht die Finanzkrise analysiert, das hätte geheißen, Eulen nach Athen zu tragen, sondern habe die grundsätzliche Systemkrise, die Krise der Reproduktion, wie es die Feministinnen manchmal nennen und die Krise des westlichen, rationalen Denkens in der Tradition der Aufklärung dargestellt. Und anschließend wesentliche Aspekte, an denen sich Alternativen orientieren sollten. Die Commons waren nur eine davon, dazu gab es nachher noch einen eigenen Workshop. Die Folien zum Vortrag gibt’s hier.

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Die Zeitreise

Hier nun der dritte Teil des Berichtes vom BUKO Seminar mit dem Titel „Lokal, glokal, utopistisch – Wirtschaft für die Welt von morgen“. (Hier Teil 1 und Teil 2 des Berichtes).

Die letzte Aufgabe des Seminars war, uns in eine selbst definierte zukünftige Epoche zu versetzen, in eine Zeit, die dem von uns angestrebten „Guten Leben“ schon näher gekommen ist. Aus der Beschreibung dieser Gesellschaftsform sollten wir dann – sozusagen im Rückblick – erzählen, wie der Transformationsprozess abgelaufen war, was ausschlaggebende Anlässe, Erfahrungen, sozusagen Meilensteine dafür waren, dass der Kapitalismus überwunden wurde.

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Pro und Contra Rechte der Natur

Die Verfassungen von Bolivien und Ecuador, die beide unter breiter Beteiligung der Bevölkerung entstanden sind und beide explizit der Natur einen eigenen Rechtsstatus zuschreiben, waren Thema am zweiten Tag des BUKO Seminars in Wernsdorf. (Hier
Teil 1 des Berichtes). Wir bezogen uns auf zwei Briefe von Veronika Bennholdt-Thomsen (nachzulesen hier und hier) und auf einen Text von Alberto Acosta, Ökonom aus Ecuador und dort auch Präsident der verfassungsgebenden Versammlung. Der Text ist hier als pdf zu finden.

Weniger die Art der Entstehung der Verfassungen war ein Thema beim Seminar, obwohl diese durchaus eine nähere Betrachtung wert wäre, sondern das Naturverständnis, das sich grundsätzlich vom westlichen unterscheidet. Rechte der Natur sind in den Verfassung beider Staaten festgeschrieben worden. Acosta versucht in diesem Artikel an Hand des Konzeptes „Buen vivir“ einen Brückenschlag zwischen indiginen und westlichen Kulturen und postuliert eine neues Verständnis von „Entwicklung“. Er kommt zu dem Schluss:

Das Buen Vivir – mehr als eine Verfassungserklärung – stellt sich also als Möglichkeit dar, um gemeinsam ein neues Entwicklungsregime zu erschaffen bzw eine neue Lebensweise. Es ist somit ein wichtiger qualitativer Schritt von der „nachhaltigen“ Entwicklung hin zu einer anderen Vision, die viel reicher und komplexer in ihrem Inhalt ist. Der Vorschlag des Buen Vivir kann, immer wenn er aktiv von der Gesellschaft übernommen wird, mit viel Nachdruck in die weltweiten Debatten über Transformationen eingebracht werden. Das Buen Vivir hat also definitiv mit einer anderen Lebensweise zu tun, mit vielen sozialen, wirtschaftlichen und umweltspezifischen Rechten und Garantien. Das Konzept wurde auch in die richtungsweisenden Prinzipien des Wirtschaftsregimes der Verfassung von Ecuador aufgenommen, z.B. die Förderung einer harmonischen Beziehung zwischen Menschen (individuell und kollektiv) sowie mit der Natur.

Speziell geht er dann auf den Aspekt der Verfassung ein, der die Natur als Rechtsträgerin konstituiert. Die Meinungen dazu waren in der Gruppe durchaus geteilt.

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Politisierung der Subsistenz

Vom 13. – 15. April fand im Tagungshaus Wernsdorf bei Berlin ein BUKO Seminar mit dem Titel „Lokal, glokal, utopistisch – Wirtschaft für die Welt von morgen“ statt. Für die ÖsterreicherInnen: BUKO steht für „Bundeskoordination Internationalismus“, eine Dachorganisation von „linken“ entwicklungspolitischen Gruppen, die das herkömmliche Entwicklungsparadigma kritisieren und die sogenannte „Unterentwicklung“ im Süden als immanenten Teil kapitalistischer Ausbeutung thematisieren und das Verhältnis zwischen den kapitalistischen Zentren und der Peripherie in den Mittelpunkt stellen.

Dieser Beitrag ist der erste Teil meiner Überlegungen nach dem Seminar. Er handelt von einer Erfahrung die motivierend und frustrierend gleichzeitig war. Motivierend deshalb, weil ich viele neue spannende Impulse zu den Themen und Fragen, mit denen ich mich aktuell auseinandersetze, erhalten habe. Frustrierend deswegen, weil diese von einer Buko-Arbeitsgruppe namens „Schwertfisch“ bereits vor nahezu 20 Jahren entwickelt wurden – wo ich nach 10 Jahren Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Strömungen der Kapitalismuskritik angelangt war, standen andere also bereits vor 20 Jahren.

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Gerechtigkeit

Das war das Schwerpunktthema des letzten Wochenend-Standards. Mit Beiträgen von vielen verschiedenen Menschen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln, z.B. von Saskia Sassen und einem Interview mit Richard Sennett. Und auch einem Beitrag von einem Herrn Egon Flaig mit dem Titel „Warum es Gerechtigkeit nicht geben kann“.

Bevor ich darauf eingehe, noch ein paar grundsätzliche Anmerkungen zum Begriff „Gerechtigkeit“ – wir haben darüber z.B. auch bei der Winterschool Solidarische Ökonomie diskutiert. Das Problem mit dem Begriff ist, dass es viele verschiedene Vorstellungen von Gerechtigkeit gibt, so dass viele Menschen Gerechtigkeit fordern können – tatsächlich würde vermutlich niemand sich gegen Gerechtigkeit aussprechen, oder Ungerechtigkeit legitimieren -, dass aber alle damit etwas anderes meinen.

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