Kirchentag und Protestkultur

Nun hab ich hier länger nichts geschrieben, auch deshalb, weil – neben meinen Reisen – auch in Graz so viel passiert, dass zum bloggen zu wenig Zeit bleibt. Mehr dazu hoffentlich dann doch demnächst hier. Aber nun gibt es davor noch Wichtigeres, und das deshalb, weil, ja: ich liebe Hamburg :)! Darum musste ich nicht lange überlegen, als die Anfrage von der Organisation des Deutschen Evangelischen Kirchentags kam, ob ich an einer Diskussionsveranstaltung zu Commons teilnehmen würde. Wir können zwar kein Honorar bezahlen, hieß es da, aber wir übernehmen die Fahrtkosten und es gibt eine Dauerkarte für den Kirchentag und ein Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel (inklusive Hafenfähren!) für fünf Tage. Natürlich sagte ich zu. Fünf Tage Hamburg scheinen mir ein mehr als angemessener Ausgleich für eine Stunde Diskussion über ein Thema, das mich ohnehin interessiert, mit anderen Menschen, die das auch interessiert, noch dazu, wo ich kaum etwas vorbereiten musste dafür. Und weil eine gute Freundin von mir lange in Hamburg gelebt hat, gab es auch noch freundschaftliche Verbindungen, die mir einen Schlafplatz sicherten. Also bin ich da. Und also muss ich drüber schreiben. Denn in Hamburg zu sein, ohne darüber zu erzählen, geht nicht.

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Omnibus und Niemandsland

Am 10. November habe ich den Eröffnungsvortrag bei der Regionalkonferenz von Attac NRW gehalten. Es ging um eine Analyse der aktuellen Krisensituation und die Ansatzpunkte für Alternativen. Ich habe natürlich bei einer Attac-Regionalkonferenz nicht die Finanzkrise analysiert, das hätte geheißen, Eulen nach Athen zu tragen, sondern habe die grundsätzliche Systemkrise, die Krise der Reproduktion, wie es die Feministinnen manchmal nennen und die Krise des westlichen, rationalen Denkens in der Tradition der Aufklärung dargestellt. Und anschließend wesentliche Aspekte, an denen sich Alternativen orientieren sollten. Die Commons waren nur eine davon, dazu gab es nachher noch einen eigenen Workshop. Die Folien zum Vortrag gibt’s hier.

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Die Olympische Einhegung der Commons

Letze Woche war in Ö1 ein interessantes Radio-Kolleg über die Auswirkungen der Olympischen Spiele auf das Londoner East End:

Versprochen wurde, dass die Investitionen in Milliardenhöhe der lokalen Bevölkerung zigtausende Jobs, günstige Wohnungen und neue Perspektiven bringen. Doch diese Hoffnungen sind bei vielen erloschen, die Wohnungspreise überhitzt, lokale Geschäfte wurden abgesiedelt oder sind von selbst dem Druck gewichen.

Die Darstellung in den Medien zeigt Industriebrachen, verfallene Häuser, angeblich habe dort niemand gewohnt, „Niemandsland“ also, das nach den Spielen zu einem blühenden Stadtteil mit Sozialwohnungen werden und neue Jobchancen bieten würde – so die Versprechungen. Tatsächlich existierten dort Sozialwohnungen, Schrebergärten und kleine Reparaturbetriebe und Läden, die in dieser billigen Gegend ihren Mann oder ihre Frau ernährten, weil auch die Kundschaft aus der Nachbarschaft kam, entsprechende soziale Netzwerke bestanden. Vor nicht allzu langer Zeit arbeiteten in den Hafendocks noch Tausende Menschen. Ebenso viele wurden nun umgesiedelt, Gärten enteignet, um die Olympiastadt aus dem Boden zu stampfen. Die Kleinunternehmen verloren ihre Kundschaft. Das alles wird in den Medien verschwiegen, ist jedoch nachzulesen im Blog des Counter Olympics Network und auf der Webseite Games Monitor.

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Gutes Leben nach dem Wachstum

Dass es nicht bleiben kann, wie es ist, ist inzwischen nahezu allen klar. Dass wir eine andere Gesellschaft brauchen, ergibt sich daraus nahezu von selbst. Aber wie soll diese Gesellschaft aussehen und wie kommen wir von A nach B? Mit diesen Fragen setzte sich das Crossroads-Festival vom 18. – 27. Mai im Forum Stadtpark in Graz auseinander und darüber sollte ich am Samstag, dem 26. Mai entsprechend dem Untertitel Gerechte Übergänge gestalten! Aber wie? mit Uli Brand und Birgit Mahnkopf diskutieren. Birgit ist leider krank geworden, also wurde es ein trautes Zweiergespräch.

Ich hab mir im Vorfeld darüber einige Gedanken gemacht und dabei vieles zusammen geführt, das mir in den letzten Monaten und Jahren so durch den Kopf gegangen ist. Nicht alles davon habe ich in dieser Diskussion wirklich ausgeführt, weil es sich eben um eine Gesprächssituation und nicht um einen Vortrag handelte. Darum will ich das hier nachholen und beginne mal mit der Zusammenfassung. In weiteren Beiträgen möchte ich die einzelnen Punkte noch genauer ausführen.

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Solidarische Ökonomie und Commons

So heißt das Buch, dass ich gemeinsam mit Andreas Exner geschrieben habe und das es seit einer Woche nach einigen Verzögerungen auch wirklich gibt ;-). Erschienen ist es beim Mandelbaum Verlag, der seit gut einem Jahr mit der Reihe „kritik & utopie“ in der österreichischen Verlagswelt einen Platz für progressive Gesellschaftskritik und Denken über den Kapitalismus hinaus geschaffen hat. Hier das Vorwort, das einen Überblick über Inhalt und Intention des Buches gibt:

In den letzten Jahren hat sich das, was 2007 in den USA als Subprimekrise begonnen hat, gemeinsam mit anderen schon länger schwelenden Widersprüchen des Systems zu einer großen gesellschaftlichen Krise ausgewachsen. Große Krisen stellen strategische Situationen dar. Zum einen verdichten sich darin die Resultate vielfältiger sozialer Kämpfe, die zuvor in scheinbar weit auseinanderliegenden Bereichen der Gesellschaft und ohne Zusammenhang geführt worden sind. Sie kommen in der Krise dann wie im Zusammenlaufen einzelner Zündschnüre zur Explosion und erlangen so einen gemeinsamen Ausdruck. Zum anderen bilden sich in einer Krise neue soziale Akteure heraus und bestehende Akteure orientieren sich um. Es werden weitreichende Entscheidungen getroffen, die neue gesellschaftliche Strukturen schaffen, die künftige Kämpfe einschränken oder erleichtern. Krisen sind ebenso bedrohliche wie einladende, offene Situationen. Sie zwingen zum Handeln und öffnen Perspektiven, die über das Bestehende hinausweisen. Mit den wesentlichen Widersprüchen der kapitalistischen Produktion und den Krisen als den Rahmenbedingungen für Alternativen beschäftigt sich deshalb das erste Kapitel. Dem werden im zweiten Kapitel die Commons als Produktionsweise und soziale Organisationsform gegenübergestellt, die sich mit Solidarischen Ökonomien überlappen.

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Über selbstbestimmtes Arbeiten

Nachdem ich in letzter Zeit viel über Lohnarbeit nachgedacht habe und über Selbstorganisation als Gegenpol und Alternative dazu, fällt mir immer wieder aus eigener Erfahrung ein, wie – unter bestimmten Bedingungen und über einen kürzeren Zeitraum – das doch auch zusammengehen kann.

Anfang der 90er Jahre wurde in Österreich das Pflegegeld eingeführt und damit fiel auch der Startschuss für den Aufbau mobiler Altenpflegedienste. Ich war eine der Frauen, die diese Aufbauarbeit in Bad Aussee geleistet haben. Außer einer nur geringfügig beschäftigten Krankenschwester waren wir lauter „Laiinnen“ (schreibt man das so??), Frauen, die keine Pflegeausbildung, aber auf Grund ihrer geschlechtsspezifischen Tätigkeiten durchaus Erfahrung mit alten Menschen hatten. Zu Beginn mussten wir alles machen – vom Kochen und Putzen bis zu Dekubitus verbinden und Insulin spritzen. Letzteres war weder lustig für uns noch gut für die KlientInnen, weil wenn frau solche Dinge tun muss, ohne eine Ahnung davon zu haben, kann sie auch viel Schaden anrichten. Aber das änderte sich bald. Die medizinische Versorgung übernahm die Krankenschwester und wir bekamen eine Ausbildung, die erste Heimhilfenausbildung der Steiermark. Es war eine gute Ausbildung mit guten Lehrenden, in der wir lernten, dass es wichtig sei, die Persönlichkeit und Eigenheiten der alten Menschen zu respektieren und sie möglichst viel selbst tun zu lassen, auch wenn wir selbst es schneller machen könnten. In Rollenspielen erfuhren wir, wie es ist, wenn die Seh- und die Hörkraft nachlassen, wenn man auf andere Menschen angewiesen ist. Wir hörten, dass wir die alten Menschen auch dabei unterstützen sollten, ihre sozialen Beziehungen aufrecht zu erhalten, dass wir auch wichtige Gesprächspartnerinnen für sie sein sollten und wir erwarben natürlich auch medizinische und pflegerische Kompetenzen. Das machte es uns möglich, unsere Arbeit gern und gut zu machen und wir erwarben uns schnell viel Ansehen in der Gemeinde.

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Wege in eine solidarische Gesellschaft

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf diesen Kommentar  zum letzten Blogeintrag. Kurz zusammengefasst, es geht um Beispiele dafür, wie etwas, das den Menschen nützt auch gut für die Natur ist und es geht um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Unterschieden zwischen dem Konzept der Gemeinwohlökonomie und solidarischen Gesellschaftsentwürfen.

Also, erst einmal die Beispiele:
Alle funktionierenden Commons, die Ostrom untersucht hat, erfüllen diesen Anspruch, d.h. sie funktionieren und überleben nur, wenn sie das schaffen, das ist keine normative Forderung sondern gelebte Realität. Sie hat einfach geschaut, was ist der Grund, warum sich Menschen diese Mühe antun und das Ergebnis war, weil sie einen Vorteil davon haben, sich mit anderen abzusprechen, weil sie ihre Bedürfnisse besser befriedigen können, wenn die andern das auch können. Und dass es auch für die Natur gut ist, sieht man daran, dass die Ressourcen immer noch bestehen, sonst könnten sie ja nicht mehr funktionieren.

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Warum „Gemeinwohl“ und ein Gutes Leben für alle nicht zusammengehen

Individuum gegen Gesellschaft

Der Rückgriff auf das Gemeinwohl als Maß oder Kriterium für eine wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung behält die Sichtweise bei, die auch dem liberal-ökonomischen Weltbild zugrunde liegt: dass die Interessen der Individuen grundsätzlich in Konkurrenz zueinander stehen, das heißt, dass ich

  • bei der Befriedigung meiner Bedürfnisse automatisch Anderen oder der Natur schade und
  • dass zudem oder infolgedessen grundsätzlich individuelle Interessen den Interessen einer als außerhalb der Individuen und ihnen gegenüberstehend angenommenen Gesellschaft oder Gemeinschaft entgegenstehen.
  • Dass es also notwendig ist, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, wenn es allen gut gehen soll.

Adam Smith meinte, diese Gegensätze könnten durch die Etablierung eines freien Marktes aufgehoben werden, dessen unsichtbare Hand bewirken würde, dass die Verfolgung der Einzelinteressen aller, gleichzeitig dem Interesse der Gemeinschaft dienen würde. Daraus resultierte die Notwendigkeit, individuelle Freiheit abzusichern.

Viele KritikerInnen des Kapitalismus und vor allem des Neoliberalismus meinen nun, da sich das nicht bewahrheitet habe, müsse man den umgekehrten Weg gehen und die Interessen der Gemeinschaft gegen die der Individuen schützen. weiter lesen

„Lebens-Bau-Wirtschaft“ – Die Praxis des Systemwandels

Vorletztes Wochenende waren wir in Villach, bei der Winter School Solidarische Ökonomie. Wir haben dort unter anderem auch darüber diskutiert, wie die Diskussionen über Commons und Solidarische Ökonomie zusammenhängen. Thorsten, Christoph, Jule und Silja haben ihr Forschungsprojekt an der kritischen Uni Kassel vorgestellt. Ein Vorzeigebeispiel dafür, wie selbstbestimmtes Lernen und kritische und emanzipatorische Forschung ausschauen können. Gratulation! (Sie haben auch einen Bericht von der Winter School geschrieben). Aber eine ganz wesentliche Frage im Lauf des ganzen Wochenendes war: Wie können wir es schaffen, dass wir unsere Grundbedürfnisse über solidarische Ökonomie, oder Commons, oder wie immer wir das Ding nennen, abdecken, damit wir unabhängig sind vom Marktsystem und von Lohnarbeit? Denn das ist eine Voraussetzung für eine Systemänderung, ohne diese Möglichkeit sind auch der politischen Arbeit Grenzen gesetzt und ohne diese Möglichkeit können wir nicht aufhören, den Kapitalismus zu reproduzieren.

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Denkverbot?

Die Zeiten sind schlecht, wir müssen sparen – klar, wir mussten ja die Banken retten und die Bankmanager dürfen ihr Boni auf keinen Fall verlieren. Vermögen ist wie ein scheues Reh, man darf es nicht besteuern, denn sonst ergreift es die Flucht – auch wenn wir uns fragen wohin, in allen anderen Ländern sind die Vermögenssteuern höher. Aber da ist ja noch die Sage von der Mittelschicht, die von Vermögenssteuern angeblich am meisten betroffen wäre. Auch wenn der letzte Sozialbericht für Österreich ergab, dass die reichsten 10% der Bevölkerung 54% des Geldvermögens besitzen. Bei anderen Vermögensarten ist die Verteilung noch ungleicher und was die Stiftungen betrifft, gibt es überhaupt keine Daten. Aber, die Sichtweise, dass Steuern schlecht sind und jeder möglichst wenig Steuern zahlen soll, ist fest im kollektiven Bewusstsein verankert, es ist halt nach wie vor die Meinung der Herrschenden, die zur herrschenden Meinung wird. Also, nochmal, wir müssen sparen.

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